10 Millionen – eine Zahl.
Sie begegnet mir seit Wochen. Auf Plakaten, in Schlagzeilen, im Gespräch. Eine runde, klare, beruhigend präzise Zahl. Sie suggeriert: Man kann eine Grenze ziehen. Man weiss, wann genug ist. Aber was genau zählt diese Zahl? Menschen. Sie zählt Menschen.
Und da beginnt mein Unbehagen.
Nicht weil Zahlen falsch wären. Demographie, Infrastruktur, Raumplanung brauchen Zahlen. Die Erde ist nicht unbegrenzt belastbar. Zersiedelung, Verkehr, Lärm, Flächenverbrauch. Der Mensch ist nicht Eigentümer der Erde, sondern ihr Hüter. Masslosigkeit gegenüber der Schöpfung ist keine Kleinigkeit.
Aber diese eine Zahl suggeriert mehr, als sie leisten kann. Sie tut so, als liesse sich mit ihr entscheiden, wer dazugehört und wer nicht, als wäre das Zusammenleben eine Rechenaufgabe. Sie macht aus einem Gesicht eine Grösse. Sie konstruiert ein Zuviel an Menschen und trifft damit nicht abstrakt „die Bevölkerung“, sondern konkret diejenigen, die am wenigsten ausweichen können: Menschen auf der Flucht.
Das Evangelium arbeitet umgekehrt – nicht als politisches Programm, sondern als Blickrichtung. Es geht vom Einzelnen aus: dem einen verlorenen Schaf, dem einen Fremden am Wegrand, dem einen Menschen, der fragt: «Wer ist mein Nächster, meine Nächste?» Die Antwort ist nie eine Quote.
Menschen sind keine Zahlen. Die Initiative tut so, als wären sie es. Wer das Zusammenleben auf eine Zahl reduziert, hat die eigentliche Frage schon beiseitegelegt: Wie begegnen wir dem Menschen, der kommt? Am Ende bleibt nicht die Zahl, sondern der eine, der mir begegnet.
Florian Lüthi
