Ostern ist das wichtigste Fest der Christenheit. Ostern ist das Fest an dem der Sieg des Lebens über den Tod gefeiert wird.
Jesus Christus wurde verraten, ausgeliefert, verurteilt und gekreuzigt. Er ist gestorben. Doch am dritten Tag ist er als Erster von den Toten auferstanden.
Das Grab, in das er hineingelegt wurde und das mit einem grossen Stein verschlossen wurde, war leer.
Jesus begegnet in der Folge seinen Freunden und Freundinnen: Maria von Magdala am Ostermorgen, den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, am Osterabend den versammelten Jüngerinnen und Jüngern. Sie sassen hinter verschlossenen Türen, doch das hielt Jesus nicht auf. Viele Begegnungen mit dem Auferstanden sind uns in den Evangelien überliefert. Wir hören sie in der Liturgie der kommenden Sonntage bis Pfingsten.
Mit dem Osterfest beginnt auch die 50tägige Osterzeit. Sie dauert bis Pfingsten. 50 Freudentage an denen es die Osterfreude auszukosten gilt.
Andere Länder, andere Sitten, heisst es im Volksmund. Ich kann viel davon erzählen, habe ich doch über Jahre in Schweden gelebt und musste mich dort an einiges gewöhnen. Das viele Kaffeetrinken oder das Ausziehen der Schuhe beim Betreten einer Wohnung haben mich zunächst irritiert. Doch man gewöhnt sich schnell daran. Wird man von jemandem eingeladen, endet die Einladung meistens damit, dass man einen «portkod», einen Türcode, genannt bekommt. Nur mit diesem vierziffrigen «portkod» lässt sich die Eingangstür zum Wohnhaus öffnen. Die Klingeln zu den einzelnen Wohnungen befinden sich erst an der Wohnungstür auf der Etage. Ich habe mich oft gefragt, wie in Schweden spontane Besuche möglich sind. Hat man keinen Code, kommt man erst gar nicht ins Haus. Man steht vor verschlossenen Türen.
Am Pfingstfest geht es mehrfach um Verschlossenheit. Die Jünger und Jüngerinnen sitzen hinter verschlossenen Türen. Da kommt Jesus unangemeldet und ganz ohne Code in ihre Mitte. Plötzlich steht er da, zeigt seine verletzten Hände und die verletzte Seite und sagt: Friede sei mit euch! Da beginnt sich die Furcht der Jünger und Jüngerinnen in Freude zu verwandeln. Genau wie bei den Frauen am Ostermorgen, derselbe Wandel, Furcht in Freude. Jesus knackt nicht nur die verschlossene Tür, sondern auch das Eingeschlossensein in Angst und Trauer und die verschlossenen Herzen. Egal, wie sicher das Passwort ist, er knackt es. Der Code ist die Zusage seines Friedens. Bestärkt mit dem heiligen Geist sendet Jesus die Seinen noch in derselben Stunde hinaus in die Welt: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Was könnten wir in der Nachfolge Jesu vollbringen, wenn der «Code Frieden» die Herzen der Menschen erreichen würde! Lassen wir uns an Pfingsten diesen Frieden von Gott neu zusagen. Lassen wir uns bestärken vom heiligen Geist, damit jeder und jede an seinem und ihrem Ort auf dieser Welt beitragen kann, damit der «Code Frieden» zur Anwendung kommt, wo er so dringend benötigt wird.
Wo fühlen denn Sie sich richtig wohl? Vielleicht hast Du einen ganz persönlichen Lieblingsort, einen Ort, an den es Dich immer wieder hinzieht, an dem Du Deine Seele baumeln lassen kannst und wieder ganz „Mensch“ sein darfst. An diesem Ort ist man gleichsam in einer anderen Sphäre, völlig losgelöst und abgehoben, das Alltägliche spielt keine Rolle mehr. So Vieles relativiert sich. Aber nicht nur Orte, sondern vor allem Menschen, mit denen uns viel verbindet, Familienangehörige oder gute Freunde, vermitteln Geborgenheit, Nähe und Heimat.
Ähnlich ging es wohl auch Jesus. Nach der Auferstehung zieht es ihn wieder in die Nähe seines himmlischen Vaters – dies feiern Christen am Fest „Christi Himmelfahrt“. Mit diesem Fest kommen einem oft Bilder von einem Christus in den Sinn, der in Wolken verschwindet. „Losgelöst sein, abgehoben sein, wie auf Wolken schweben …“ all dies sind Beispiele für Sprachbilder, die Gefühle oder Lebenssituationen viel treffender beschreiben können als wie viele Worte.
In den Schrifttexten, die in den Gottesdiensten an Christi Himmelfahrt gelesen werden, verwenden die biblischen Autoren ebenfalls Sprachbilder, um etwas schwer Fassbares zu „versinnbildlichen“. In einem Lesungstext heisst es: „als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“ Dieses Bild drückt aus, dass Jesus von Gott erhöht und zu ihm gezogen wurde. Und Jesus lässt sich von Gott anziehen. Was muss das für ein Gott sein, der für Jesus so anziehend ist, dass ihn nichts und niemand mehr hält? Die Anziehungskraft Gottes ist wohl seine unvorstellbare Liebe. Und so lüftet sich an Christi Himmelfahrt ein wenig vom Ostergeheimnis, an dem wir durch unsere Taufe teilhaben dürfen. Es zeigt uns, dass uns in der Auferstehung ein liebender Gott entgegen kommt. Einer, der auf uns wartet und uns mit unendlicher Liebe und Heimat beschenken will. Einer, der uns in seine Nähe und Geborgenheit mit hineinnehmen will, und das nicht erst im Jenseits, sondern bereits hier und heute, im täglichen Leben.
Auf der Weltsynode in Rom (2023) und seither an vielen anderen Orten, wurde und wird eine neue Art des Kommunizierens eingeübt: Das geistliche Gespräch in Kleingruppen. Teilnehmende berichten: Zu Beginn hat jeder und jede der maximal zehn Beteiligten drei Minuten, um zu sagen, was ihm oder ihr zum Thema wichtig ist. Die anderen hören zu. Dann wird zunächst geschwiegen, damit das Gehörte persönlich aufgenommen werden kann; in einer zweiten Runde spricht jeder und jede im Sinne eines ersten Echos darüber, was das Gehörte in ihm oder ihr bewegt oder anspricht. Anschliessend erfolgt noch einmal Stille, bevor man ins Gespräch und die Diskussion eintritt.
Eine solche Art der Kommunikation braucht meines Erachtens eine Haltung der Offenheit und innere Weite. Das bedeutet, sich freizumachen von vorgefertigten Meinungen und vom Wunsch nach schnellen Entscheidungen. Nur so kann Beratung vertieft geschehen. Denn guter Rat ist niemals billig zu bekommen. Guter Rat ist im besten Sinne «teuer», ja kostbar. Für guten Rat braucht es das Zuhören, die Stille und die Zeit.
Ich frage mich, wo und von wem lasse ich mich beraten in meinem Leben? Wo vertraue ich auf einen Rat oder tue ich so, als höre ich ihn nicht?
Mir kommen die biblischen Propheten und Prophetinnen in den Sinn. Ihre Hauptaufgabe war die Verkündigung von Gottessprüchen und Heil – Beratung im Namen Gottes. Manche wurden aus ihrem Umfeld herausgerufen und zu oppositionellen Kritikern der Gesellschaft, die oftmals Spott, Hohn und sogar Verfolgung ertrugen – weil ihr Rat nicht gehört werden wollte.
Im Apsisbild der Morschacher Kapelle sind einige prophetische Gestalten dargestellt. Sie deuten mit ihren Händen eine Richtung an, wollen uns vielleicht Zukunftswege weisen oder uns auf etwas aufmerksam machen. Dargestellt sind diese Personen im Ordensgewand, in prunkvollem oder ganz einfachem Gewand. Propheten und Prophetinnen! Sie sind mitten unter uns, oft ungehört und unerkannt – auch heute. Wir wären gut beraten, ihnen zuzuhören.

Kennst Du die Marienkapelle der Pallottiner in Morschach/SZ? Sie ist traumhaft gelegen und bietet einen Weitblick auf Berge und See. Das Patronatsbild in der Apsis hat die lettische Künstlerin Anita Kreituse (*1954) gemalt. Es stellt das «Coenaculum» dar. Das ist ein Wort mit verschiedenen Bedeutungen. Zum einen meint «Coenaculum» den in der Bibel erwähnten historischen Raum des letzten Abendmahls und zum anderen das Pfingstereignis. Eine gute Vorstellung vom «Coenaculum» bekommen wir, wenn wir im Johannesevangelium im Kapitel 20 nachlesen. Johannes berichtet wie der Auferstandene am Osterabend den Jüngern erschien und ihnen den Heiligen Geist zugesprochen hat (Joh 20,19-23). Der Moment, den das Apsisbild festhält, ist aus der Apostelgeschichte (Apg 1, 12ff). Die Pallottiner verstehen unter «Coenaculum» in erster Linie den Pfingstsaal und diesen wiederum als Sinnbild dafür, dass alle Christinnen und Christen, alle getauften Männer und Frauen mit dem Geist Gottes ausgesandt wurden, und Christus nachfolgen, aufbrechen und Apostel und Apostelinnen in der Welt sein sollen. Das Apsisbild in Morschach zeigt Frauen, Männer und Kinder aus allen Zeiten und sozialen Schichten. Sie sammeln sich um Maria, die nicht das Jesuskind auf dem Schoss hält, sondern das aufgeschlagene Lukasevangelium. Über jeder der 50 Personen ist eine kleine Flamme sichtbar, Zeichen des Heiligen Geistes.
Erkennt Du Dich in einer der Personen wieder?
«Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur viel zu selten dazu», sagte einst Ödön von Horváth, der österreichisch-ungarische Schriftsteller. Diese Aussage bringt unser Leben ganz gut auf den Punkt. Eigentlich wissen wir ganz genau, was oder wer wir sein wollen, aber wir bleiben hinter Idealen und Zielen zurück. Das kann frustrierend und freudlos sein.
Aus dem Johannesevangelium klingt es uns ganz anders entgegen. Da sagt einer: Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin der Weg. Ich bin die Wahrheit. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich bin der Weinstock. Ich bin der gute Hirt.
Jesus bekennt selbstbewusst, was er ist. Ich bin! Dieses Selbstverständnis gründet in der engen Beziehung zu Gott. Da ist einer, der Jesus durch alles hindurch getragen hat, durch Leiden, durch Schmach, durch Hinrichtung und Tod. Einer hat die Schwächen, das Scheitern mitgetragen und aufgehoben. Weil Gott mit ihm ist, kann er trotz allem sagen: Ich bin! Genau so will der österliche Jesus für uns sein. «Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.» So wie Gott Jesus kennt und Jesus Gott kennt. Mit ihm an unserer Seite dürfen wir sein, was wir sind. Das ist entlastend. Unser Leben bleibt ein Spagat zwischen dem, wie es ist, und dem, wie es sein könnte. Ja, wir bleiben hinter unseren Zielen zurück. Aber wir können uns von Jesu «Ich bin» mitnehmen lassen. Jede und jeder kann von sich selber sagen, ich bin! Stütze, Hilfe, Halt, beste Freundin, engagierter Ehemann. Ich bin – wir sind, so vieles für uns selbst und für andere. Wenn ich lebe, was ich bin, dann kann ich im grossen Mosaik des Lebens Orientierung und Halt sein für andere. Ich habe einen Platz. Ich bin! Jesus lehrt uns durch seine Beziehung zu Gott, den Blick auf die Stärken zu lenken, auf das, was uns als Mensch ausmacht. Halten wir uns an den Auferstandenen, der auch Hirte sein will für uns, dann werden wir selber Weg, Licht, Brot, ja Hirten und Hirtinnen – ein Teil der österlichen Freude in der Welt.
Der Heilige Augustinus (+ 430) sagte in einer Osterpredigt über den Text aus dem 24. Kapitel des Lukasevangeliums, das ist die Erzählung über die Emmausjünger:
«Was bedeutet uns diese Lesung? Etwas Grosses, wenn wir sie verstehen! Jesus erscheint: Er wird mit den Augen gesehen, aber nicht erkannt. Der Meister geht auf dem Weg mit ihnen und – ist doch selbst der Weg. Sie aber gehen noch nicht auf diesem Weg, sondern er trifft sie, die vom Weg ‘abgeirrt’ sind. … Alles hatte er vorausgesagt. Doch sein Tod liess sie alles vergessen. … Sie sahen ihn, aber sie erkannten ihn nicht. ‘Sie waren mit Blindheit geschlagen’ wie wir hören, ‘so dass sie ihn nicht erkannten.’ Sie waren nicht so mit Blindheit geschlagen, dass sie ihn nicht sahen, sondern so, dass sie ihn nicht erkannten.»
Wie oft sehen wir Christus den Auferstandenen – und erkennen ihn nicht?
Tage, ja Wochen bereiten wir uns in der Regel auf grosse Feste vor. Vorbereitungen für Hochzeiten dauern Monate, manchmal ein ganzes Jahr. Dann: der Festtag und alles ist wieder Geschichte. 4 Wochen Advent sind es, die uns auf Weihnachten vorbereiten; 40 Tage in der österlichen Busszeit, die uns auf das Osterfest zugehen lassen. Bereits am Osterdienstag gibt es die Schoggihasen mit bis zu 75% Rabatt zu kaufen. Wir kehren zurück in den Alltag nach den heiligen Tagen. Ostern ist wieder vorbei, obwohl die Osterzeit bis Pfingsten dauert.
Warum nur hat das «Auskosten» der grossen christlichen Feste nicht mehr Eingang gefunden in den Alltag der Christen und Christinnen? Uns sind 50 Tage geschenkt, die Osterfreude so richtig auszukosten! 50 Freudentage, an denen das österliche Halleluja erklingen will. Lassen wir es erklingen in unserem Alltag!
Bereits an Ostern verkündeten die Engel am leeren Grab den Jüngern und Jüngerinnen, sie sollen nach Galiläa gehen, um den Auferstandenen zu sehen.
Warum Galiläa? Die Jünger Jesu kamen mehrheitlich aus Galiläa. Galiläa, das ist ihr Alltag. Dort wo sie aufgewachsen sind, dort wo sie lebten. Genau dort wird der Auferstandene ihnen begegnen. Mitten in ihrem Alltag. So erzählen es uns auch die Evangelien auch an den kommenden Sonntagen, zum Beispiel wie Jesus den Jüngern am See von Genezareth (in Galiläa) begegnet.
Wo ist Dein ganz persönliches Galiläa? Halte Ausschau nach Begegnungen mit Jesus in Deinem Alltag und Du wirst Dein Galiläa finden.
Wandlung
Eine Blaubeere ist rot, wenn sie noch grün ist. Diesen Satz habe ich vor vielen Jahren einmal in einer Predigt gehört. Er ist mir seither in Erinnerung geblieben, auch wenn ich nicht mehr weiss, welcher Bibelabschnitt damit ausgelegt wurde. Eine Blaubeere ist rot, wenn sie noch grün ist. Dieser Satz fordert heraus, er regt zum Nachdenken an. Da wird ein Wandel beschrieben, eine Verwandlung, die wir so nicht erwarten würden. Er besagt, dass ich beim ersten Hinschauen auf die Situation nicht die volle Wirklichkeit erkenne. Ja, manchmal braucht es ein zweites, ein drittes Hinschauen, damit ich eine Situation richtig einschätzen oder eine Begebenheit in ihrer ganzen Fülle erfassen kann. Die Verwandlung der Blaubeere vollzieht sich so fein und schleichend, dass ich sie kaum wahrnehme. Es gibt weit bedeutendere Wandlungen und Verwandlungen in unserem Leben. Nicht zu vergessen der Bewusstseinswandel und der Wertewandel, die sich in unserer Gesellschaft unablässig vollziehen, oder der Klimawandel, der unaufhaltsam fortschreitet. Immer wenn ich im wörtlichen oder übertragenen Sinn auf-breche, mich auf den Weg mache, mich öffne, Neuem begegne, geschieht Verwandlung bei mir, in mir, durch mich. Christen und Christinnen bedeutet der eine Wandel alles: Ostern! Da verwandelt Gott den Tod in das Leben, die Dunkelheit ins Licht, Angst in Vertrauen, das Grab in den Ort der Engel. Auferstehung ist die Verwandlung schlechthin. Für die erste Zeugin, Maria von Magdala, ist diese Wandlung nicht erkennbar, ohne dass auch sie sich „wandelt“. Erst als sie sich umwendet weg vom Grab, hin in den Garten, lässt sie den Tod hinter sich, und das Leben steht vor ihr. Mit Ostern schenkt uns Gott den Glauben, dass nichts unmöglich bleibt. Mit Ostern fallen die Mauern des Todes und damit Raum und Zeit. Es gibt nur noch das „Jetzt“ und die Gegenwart des Auferstandenen. Mit dieser Gewissheit in jeden neuen Tag hinein aufzubrechen und sich selber immer neu verwandeln lassen: Das meint Ostern. Halleluja!
