Ein unvergessliches Gespräch
Bei diesem Sonntagsevangelium (Mt 11, 25-30) geht mir das Herz auf, denn seine Botschaft ist so wohltuend. Jesus stellt die gängige Vorstellung auf den Kopf, dass die Weisen und Klugen Gott und die Welt verstehen würden. Nein, es sind die Unmündigen. Und von sich selbst sagt Jesus, dass er gütig und von Herzen demütig ist. Warum mir das so wichtig ist, dazu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen.
Es war ein warmer Sommerabend vor vielen Jahren, als ich auf dem Heimweg von einem Besuch auf Peter, einen Bauern im Ruhestand traf. Aus dem freundlichen Plausch unter Bekannten wurde ein unvergessliches Gespräch. Als jungen Theologiestudenten überraschten mich seine Bibelkenntnisse. Regelmässig las er zuhause in der Bibel und dachte über das Gelesene nach. Mit Freude zitierte Peter aus den Evangelien und ich merkte bald, dass da mehr dahintersteckte. Er hätte auch in den Himmel hineinschauen können, wie Johannes in der Offenbarung, erzählte er mir. Was auch immer er gesehen oder erfahren haben mag: für mich wirkte er nicht wie einer, mit dem die Fantasie durchgegangen war. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass er etwas erfahren hatte, dass «Weisen und Klugen verborgen», aber «Unmündigen offenbart» wurde.
Und noch etwas anderes hat sich mir tief eingeprägt. Peter erzählte von einem langjährigen Streit mit seinem Nachbar über den Verlauf der Grundstücksgrenze. Der Nachbar hatte deswegen «einen Hass» auf ihn und die Situation schien unlösbar. Als dieser Nachbar schwer erkrankte, ging Peter zu ihm, um mit ihm Frieden zu schliessen und die Feindschaft zu beenden. Der Nachbar war zutiefst dankbar für den Besuch und die beiden legten den Streit bei. Nie mehr kam ein böses Wort über seine Lippen.
Ist Peter hier nicht bei Jesus in die Schule gegangen? «Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig.»
An diese abendliche Begegnung denke ich oft zurück. In Peter ist mir jemand begegnet, der als einfacher Bauer im Evangelium auf seine Weise entdeckt hat, wie er sein Leben führen kann, wenn er auf Jesus schaut. Gerade in dieser Einfachheit wurde für mich etwas von der Weisheit sichtbar, von der das Evangelium des heutigen Tages spricht.
Siegfried Ostermann

Diese Geschichte ist vorgelebtes, lebendig gewordenes Evangelium des heutigen Sonntags. – Herzlichen Dank dafür!