Loslassen
Kennst du das Gefühl, wenn dir jemand etwas angetan hat, und du es einfach nicht loslässt? Der Satz fällt dir noch Tage später ein, du spielst das Gespräch im Kopf zehnmal durch, immer mit einer besseren Antwort. Irgendwo zwischen «Ich hab’s verziehen» und «Ich vergesse das nie» verbringen die meisten von uns ziemlich viel Lebenszeit.
Genau da setzt das Evangelium diesen Sonntag (Mt 18,21–35) an. Petrus fragt Jesus, wie oft er seinem Bruder vergeben muss. Siebenmal, schlägt er selbst vor – schon grosszügig gedacht. Jesus antwortet: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Was so viel heisst wie: Hör auf zu zählen.
Dann erzählt er eine Geschichte: Ein Mann schuldet seinem König eine unfassbare Summe, die er nie hätte zurückzahlen können. Der König erlässt sie ihm trotzdem, einfach so. Kaum ist der Mann wieder draussen, trifft er einen Kollegen, der ihm ein paar Denare schuldet – lächerlich wenig im Vergleich – und lässt ihn dafür einsperren.
Beim ersten Hören denkt man: wie kann man selbst gerade Gnade erfahren haben und sie im nächsten Moment einem anderen verweigern? Ehrlich betrachtet ist das aber ziemlich genau das Muster, in dem viele von uns unterwegs sind. Wir wollen Verständnis für unsere eigenen Fehler und schlechten Tage. Aber sobald uns jemand etwas schuldet – eine Entschuldigung, eine Erklärung, Wiedergutmachung – wird plötzlich sehr genau Buch geführt.
Auch die erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 27,30–28,7) ist hier bemerkenswert direkt: Groll und Rachsucht seien ein Gräuel, an dem ausgerechnet der Mensch festhält, der selbst auf Vergebung hofft. Eine scharfe Beobachtung – und sie trifft, weil sie stimmt.
Interessant ist dabei weniger die moralische Pflicht zum Vergeben, sondern die Frage, was das Nicht-Vergeben mit uns selbst macht. Groll ist anstrengend, er braucht Energie und Kopfraum, der ständig weiterläuft, auch wenn wir an etwas ganz anderes denken wollen. Man trägt die andere Person mit sich herum, oft länger, als es der Streit je wert war. Am Ende sitzt nicht der andere im Gefängnis der Geschichte – man selbst sitzt darin, mit dem Schlüssel in der eigenen Tasche.
Vergeben heisst dabei nicht, dass plötzlich alles okay ist. Es heisst nicht, sich alles gefallen zu lassen oder Grenzen zu vergessen, die aus gutem Grund gezogen wurden. Manche Dinge tun weiterhin weh, auch wenn man verziehen hat. Vergebung ist eher die Entscheidung, die Sache nicht mehr täglich mit sich zu tragen – loszulassen, was man ohnehin nicht mehr ändern kann.
Vielleicht ist das die Einladung dieses Sonntags: nicht sofort alles zu klären, was gerade zu frisch ist, sondern sich ehrlich zu fragen, welche Rechnung man selbst noch offen hat. Wem man noch etwas nachträgt. Und ob es das wirklich wert ist, es weiter mit sich herumzutragen.
Norman Zöllner
