«Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?»
Aus wirtschaftlicher Sicht ist das heutige Evangelium (Mt 20,1–16) ein Desaster. Wie soll ein Betrieb auf einen grünen Zweig kommen, wenn Leute, die nur eine Stunde gearbeitet haben, gleich viel Lohn erhalten, wie die Büezer, die den ganzen Tag geschuftet haben? Und gerecht ist das schon gar nicht, ausser wenn die Vollzeitbeschäftigten mit mehr Lohn rechnen können. Können sie aber nicht, denn der Gutsbesitzer hat seine eigene Logik. «Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?»
Um was geht es dabei eigentlich? Es geht um das Himmelreich, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, und der Weinberg ist das Bild dafür. Für den Gutsbesitzer sind zwei Dinge wichtig: Alle sollen in diesen Weinberg gehen, auch wenn es erst gegen Ende des Tages ist. Und alle sollen den gleichen Lohn bekommen, nämlich einen Denar, einen Tageslohn: Das Geld, das eine Familie zum Leben braucht. Jesus sieht, was die Menschen brauchen und er ist gleichermassen gut zu ihnen.
Es stellt sich mir die Frage: Wie sehe ich andere? Welchen Blick werfe ich auf sie? Wie schauen wir aufeinander? Können wir uns daran freuen, wenn es auch für andere reicht?
Bei dieser Geschichte denke ich an ein Kleinunternehmen, das Schuhe produziert. Der Patron dieses Handwerksbetriebes hat einen Satz des römischen Philosophen Seneca auf seine Einkaufstaschen gedruckt: «Nie ist zu wenig, was genügt.» Das beeindruckt mich, denn es fordert mich zum Nachdenken heraus und provoziert mich, meine Perspektive zu ändern. Nicht das Immer-mehr steht im Mittelpunkt, sondern die Frage: Was brauchen wir wirklich? Was genügt für ein gutes Leben?
Darum passt der Schlusssatz des Evangeliums so gut: «So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.» Jesus dreht die Reihenfolge um. Er lädt uns ein, unsere Massstäbe zu überdenken.
Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag gibt uns jedes Jahr Gelegenheit dazu. Er verbindet drei Haltungen, die für unser persönliches Leben und für unsere Gesellschaft wichtig sind: Busse, Gebet und Dank.
Busse bedeutet dabei nicht zuerst Strafe oder schlechtes Gewissen. Busse bedeutet Umkehr. Wir können auf das verzichten, was uns abhängig macht. Wir können Gewohnheiten hinterfragen, die uns und anderen nicht guttun. Und wir können neue Wege einschlagen.
Gebet bedeutet, innezuhalten. Einmal bewusst aus dem Alltag auszusteigen und uns auf das Wesentliche zu besinnen: Was trägt mich? Was gibt meinem Leben Halt? Welche Werte sollen unser Zusammenleben prägen? Woher schöpfe ich Hoffnung und Vertrauen?
Und dann ist da der Dank. Danken lernen wir schon als Kinder. Undankbarkeit kann verletzen. Dankbarkeit dagegen verändert unseren Blick. Sie lässt uns wahrnehmen, was uns geschenkt ist.
Siegfried Ostermann

Vielen Dank für diesen Impuls, Siegfried.
Er lenkt meinen Blick hin zu dem, was Menschen tatsächlich zum Leben brauchen. Und erinnert mich daran, dankbar wahrzunehmen, was mir geschenkt ist – und was ich mit anderen teilen kann.
Schönen Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag allerseits!