«Wir haben mehr Termine als Zeit!»
An diesem Satz blieb ich neulich hängen – und musste mir ehrlich eingestehen: Er trifft den Nagel auf den Kopf. Zumindest spiegelt er meine eigene Lebensrealität ziemlich genau wider.
Kennst Du diesen heimlichen Seufzer der Erleichterung, wenn zwei Termine auf dieselbe Uhrzeit fallen? Ich kann unmöglich an zwei Orten gleichzeitig sein, muss mich entscheiden und habe – wie durch ein kleines Wunder – plötzlich eine freie Stunde geschenkt bekommen. Genau in solchen unverhofften Lücken meldet sie sich oft: die Sehnsucht danach, einmal einfach nur da zu sein, ohne funktionieren zu müssen.
Und ausgerechnet in diesen seltenen Moment trifft mich manchmal der Gedanke an Gott. Meine erste, fast automatische Abwehrreaktion: Nicht noch ein weiterer Termin!
Den Gästen im biblischen Gleichnis vom königlichen Festmahl (Matthäus 22) geht es im Grunde genauso. Sie schlagen die Einladung nicht aus böser Absicht aus. Sie haben schlicht anderes zu tun: der Acker, das Geschäft, die Pflichten des Alltags. Die wenigsten Menschen lehnen Gott heute wohl bewusst ab; viel eher geht das Wesentliche in der schieren Fülle der Tage unter. Zwischen Meetings, familiären Aufgaben und ständiger Erreichbarkeit droht schlicht die Puste auszugehen. Im Grundrauschen der To-do-Listen überhöre ich leicht das leise Klopfen an der Tür. So verpasse ich das Fest des Lebens – nicht aus bösem Willen, sondern weil im Kalender schlicht kein Platz mehr war.
Stille ist in einer lauten Welt kein nettes Extra, sondern lebensnotwendig. Gott übertönt den Lärm fast nie. Seine Stimme ist unaufdringlich; sie wartet in den Zwischenräumen des Alltags – genau in dem Moment, in dem der Motor des ständigen Tuns einmal angehalten wird.
Im Gleichnis lässt sich der Gastgeber von den Absagen nicht beirren. Er öffnet die Türen weit und lädt die Menschen von den Strassen ein. Das macht Mut: Gottes Einladung verfällt nicht. Er drängt sich nicht auf, aber er bleibt da.
Wenn der Mut da ist innezuhalten, kann sich etwas Grundlegendes verändern: Aus dem gehetzten „Ich muss noch“ wird Raum für ein freies „Ich darf“. Ein Ja zu Gott, ein Ja zu mir selbst und zu einem Leben, das weit mehr ist als das Abarbeiten von Terminen.
Der Sonntag bietet die Chance dazu.
Madeleine Kronig

Danke für diesen Impuls, Madeleine!
Besonders der Gedanke, dass Gottes Einladung nicht verfällt, spricht mich an.
Bei deiner Überlegung, dass wir vor lauter Terminen und Verpflichtungen Gottes Einladung leicht überhören, kommt mir ein Gedanke von Jan Loffeld in den Sinn. Er hat ihn auch an der Otto-Karrer-Vorlesung vom 23. September in Luzern aufgegriffen. Unter dem Titel «Ökumene in neuen Koordinaten? Postkonfessionelle Perspektiven in einer nachchristlichen Gesellschaft» ging er unter anderem auf Überlegungen aus seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» ein.
Was, wenn es nicht immer nur die vielen Termine und der Lärm des Alltags sind, die uns die Gottesfrage überhören lassen? Was, wenn sich diese Frage für viele Menschen tatsächlich gar nicht mehr stellt – und ihnen dabei auch nichts fehlt?