«Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!» (Phil 4,6)
Sorglos durch die heutige Welt zu gehen, kann erst einmal naiv und realitätsfremd wirken. Jeden Tag erreichen uns Nachrichten aus der ganzen Welt, die von viel Leid und Schmerz berichten. Auch im Blick auf die Zukunft scheint diese Aussage vielen Prognosen zu widersprechen, die, meist zu Recht, die Gefahren von KI-Systemen, Krieg und Klimawandel zum Thema haben. Ist Sorge da nicht angebracht und berechtigt?
Paulus schreibt diese Zeilen im Gefängnis. Er warnt vor einer Sorge, die uns lähmt oder krampfhaft festhalten lässt. Denn wir versuchen sehr schnell, uns abzusichern und für uns selbst zu schauen. Dieser Sorge setzt Paulus die Nähe Gottes entgegen: «Der Herr ist nahe.» Er fordert uns auf, unsere Anliegen vor Gott zu bringen, betend und flehend. Beten ist also kein Wegschauen: Im Flehen hat auch die Klage Platz. Diese Haltung der Hingabe verknüpft Paulus mit einer Haltung des Dankes. Sie würdigt alles, was wir empfangen durften, unser Leben, Liebe und Geborgenheit, und vertraut Gott an, was wir nicht festhalten können. Die Sorge um unsere Mitmenschen und um die Welt bleibt dabei berechtigt. Aus diesem Vertrauen kann sie zum Anstoss werden, sich für sie einzusetzen.
In diesen Tagen vor 800 Jahren, am Abend des 3. Oktober 1226, starb einer, der trotz Krankheit und einer frei gewählten Armut als fröhlicher Mensch beschrieben wurde: der heilige Franz von Assisi. Schon schwer krank dichtete er einen wunderbaren Lobpreis auf Gott, den Sonnengesang. Kurz vor seinem Tod soll er ihm noch eine Strophe hinzugefügt haben, in der er den Tod geschwisterlich anspricht: «unsere Schwester, den leiblichen Tod», als Teil unseres irdischen Lebens.
Florian Lüthi
Der Sonnengesang
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
Dein ist das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist Du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn Bruder Sonne,
der uns den Tag schenkt und durch den Du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend in grossem Glanz:
von Dir, Höchster, ein Sinnbild.
Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Mond und die Sterne.
Am Himmel hast du sie geformt, klar und kostbar und schön.
Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Wind,
für Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter,
durch das Du deine Geschöpfe am Leben erhältst.
Gelobt seist Du, mein Herr, für Schwester Wasser.
Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Feuer,
durch den Du die Nacht erhellst.
Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.
Gelobt seist Du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.
Gelobt seist Du, mein Herr, für jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Not.
Selig, die ausharren in Frieden,
denn Du, Höchster, wirst sie einst krönen.
Gelobt seist Du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Lobt und preist meinen Herrn
und dankt und dient ihm mit grosser Demut.
