Glaube wird weitergegeben
Während meines Studiums am Religionspädagogischen Institut in Luzern (RPI) ist mir eines so richtig bewusst geworden: der Glaube lebt von der Weitergabe. So zeigt es sich auch in meiner eigenen Biografie. Menschen haben mir Glauben und eine Beziehung zu Gott vorgelebt. Sie haben davon erzählt, mit mir darüber gesprochen und mich in den Gottesdienst mitgenommen. Ohne diese Menschen, ohne diese Organisationen, ohne die Kirche wüsste ich nichts von Jesus, von dem dreieinigen Gott, der in sich Beziehung ist.
Getragen von Vorbildern
Diese Menschen, diese Organisationen, diese Kirchen sind oft Vorbilder. Zu ihnen schaue ich auf – besonders als Kind. Eltern, Grosseltern, Verwandte und Bekannte können Vertrauen, Geborgenheit und Sicherheit schenken. Das Herz wird weit, die Seele kann sich entfalten. Es scheint nichts zu geben, das mich beängstigen könnte. Unfassbar, dass ich diese Fülle geschenkt bekommen habe!
Aufbruch und Selbstsuche
Doch irgendwann werden die Eltern langweilig, das Vertraute verliert seinen Glanz.
Ich strecke meine Fühler aus und will mehr. Ich will anderes. Ich will das wahre Leben.
Dabei stolpere ich, drehe mich um mich selbst und verliere mich zeitweise im Kosmos des Konsums. Die Logik des Stärkeren gilt. Wie der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu sehne ich mich nach Heimat, nach echter Beziehung, nach Liebe. Doch ich kann nicht in die Vergangenheit zurück – ich bin erwachsen geworden. An der Beziehung zu meinen Eltern kann und will ich arbeiten, in sie investieren. Aber dabei kann es nicht bleiben.
Neue Vorbilder – echte Erwartungen
Die Suche nach Glaubensvorbildern beginnt neu – oder setzt sich fort. Ich finde sie in Menschen, Organisationen und Kirchen. Nicht abstrakt, sondern konkret. Für mich muss Glaube gelebt werden. Und überall, wo ich hingehe, begegnet mir etwas, das wie ein Dorn im Fleisch der Beziehung steckt: Diese Menschen, diese Organisationen, diese Kirchen sind nicht perfekt.
Wenn der Glaube erschüttert wird
Am Anfang steht oft der Enthusiasmus, fast ein Gefühl von Paradies. Doch dann kostet man von der Frucht der Realität – und wird unsanft aus diesem bequemen Garten Eden hinausgeworfen. Hier ein Missbrauchsskandal, dort politische Verirrungen, anderswo abschreckende Aussagen. Es folgen Distanz, Zweifel, vielleicht sogar ein inneres „Entfolgen“. Und das betrifft nicht nur einzelne Personen oder Institutionen – es berührt auch meine Beziehung zu Gott selbst. Denn diese Menschen, diese Organisationen, diese Kirchen stehen in gewisser Weise für Gott. Sie repräsentieren, was Gott in dieser Welt durch uns Menschen bewirken kann.
Ich meine das nicht im Sinne einer starren Hierarchie, wie sie etwa in früheren Zeiten stärker betont wurde. Meine Beziehung zu Gott braucht keinen Priester als Vermittler. Und doch erfahre ich Gottes Liebe durch Menschen.
Eine neue Haltung zur Unvollkommenheit
Und genau hier liegt für mich heute – nach vielen Erfahrungen von Trennung und Neubeginn – eine mögliche Antwort:
In ihrer Unvollkommenheit liebt Gott diese Menschen, diese Organisationen, diese Kirchen.
Das bedeutet nicht, dass falsches Verhalten gerechtfertigt wäre – und was „falsch“ ist, müsste ohnehin genauer definiert werden. Vielmehr ist es eine Einladung, trotz eigener Unvollkommenheit zu mir selbst, zu anderen Menschen und zu Gott zu stehen.
Konkrete Entscheidungen im Alltag
Ein paar Beispiele:
- Ich bleibe katholisch, auch wenn Missbrauch in der Vergangenheit – und bis heute – systemisch begünstigt wurde.
- Ich schätze den Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“, gerade weil die Bibel dort nicht als unantastbar verstanden wird.
- Ich nutze die Gebets-App Hallow, auch wenn Personen wie J. D. Vance zu ihren Unterstützern zählen.
Und so weiter …
Gegen die Cancel-Kultur
Wenn ich darüber nachdenke, wird mir eines klar: Ich tue weder mir noch der Welt einen Gefallen, wenn ich mit einer „Cancel“-Haltung durchs Leben gehe. Denn dann müsste ich letztlich alle Beziehungen streichen. Kein Mensch ist ohne Fehler. Wir alle tragen Licht und Schatten in uns – und das gilt für alles, was von Menschen geschaffen ist.
Also entscheide ich mich, meine eigene Unvollkommenheit anzunehmen – und mit derselben Haltung auf andere zuzugehen: auf Menschen, auf Organisationen, auf Kirchen.
Was ich stattdessen finde
Und was finde ich?
Ich finde offene Türen, Gastfreundschaft und Liebe.
Ich finde Freundschaften, Beziehungen und Gemeinschaft.
Ich finde Visionen, Kreativität und Hoffnung.
Und ich finde Gott, wie er wirkt durch Jesus und den Heiligen Geist.
