800 Jahre Franz von Assisi
Ein reicher Kaufmannssohn, der alles hinwirft und barfuss durch Assisi zieht. Ein Mann, der mit dem Wolf spricht, die Sonne seine Schwester nennt und den Frieden sucht, wo andere Kreuzzüge predigen. 2026 jährt sich der Todestag von Franz von Assisi zum 800. Mal – und seine Geschichte wirkt erstaunlich aktuell.
Franz stellte radikale Fragen: Was zählt wirklich, wenn man alles Überflüssige weglässt? Wie lebt man in Verbundenheit mit der Schöpfung, mit den Armen, mit sich selbst? Seine Antworten – Einfachheit, Geschwisterlichkeit, Ehrfurcht vor der Natur – haben ihm nicht nur einen Orden, sondern auch einen Papstnamen eingetragen.
In unserem Dossier blicken wir auf sein Leben, seinen berühmten Sonnengesang und die Frage, was der «Poverello» (der «kleine Arme») uns heute noch zu sagen hat – über genug, über Ökologie, über ein Leben, das nicht mehr sein will als es ist.
Ein Heiliger zum Nachdenken. Und vielleicht: zum Nachmachen.
Franz wird um 1181 als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers in Assisi geboren – eigentlich Giovanni, doch sein Vater nennt ihn wegen dessen Frankreich-Geschäften bald «Francesco». Er wächst behütet auf, feiert gern und träumt von Ruhm als Ritter. Ein Kriegszug gegen die Nachbarstadt Perugia endet 1202 in einjähriger Gefangenschaft, danach folgt eine schwere Krankheit – ein Wendepunkt.
In den Jahren danach zieht sich Franz zurück, betet in der verfallenen Kirche San Damiano vor Assisi und hört dort, wie er später erzählt, den Ruf: «Baue meine Kirche wieder auf.» Er beginnt zunächst wörtlich mit Steinen zu bauen, findet aber zunehmend zu einem Leben in Armut und Einfachheit. 1206 legt er öffentlich vor dem Bischof seine Kleider und sein Erbe ab und wendet sich endgültig von seiner bürgerlichen Zukunft ab.
Rasch schliessen sich ihm Gefährten an – der Orden der Minderbrüder (Franziskaner) entsteht, 1212 gründet er gemeinsam mit Klara von Assisi den Zweig der Klarissen. Franz predigt Armut, Frieden und die Nähe zu allen Geschöpfen; 1219 reist er sogar zum Sultan al-Kamil nach Ägypten, um im Kreuzzug für Dialog statt Kampf zu werben. 1224 empfängt er auf dem Berg La Verna die Wundmale, kurz darauf entsteht sein berühmter Sonnengesang. Am 3. Oktober 1226 stirbt er in Assisi – bereits 1228 wird er heiliggesprochen.
Der Sonnengesang wurde im 13. Jahrhundert von Franz von Assisi verfasst. In diesem Gebet bringt er seine tiefe Dankbarkeit für die Schöpfung zum Ausdruck und würdigt die Schönheit der Natur als Geschenk Gottes. Der Sonnengesang zählt zu den bekanntesten Texten christlicher Spiritualität und gilt zugleich als eines der frühesten bedeutenden Werke der italienischen Literatur.
Der Gesang von Bruder Sonne (Gesang der Geschöpfe)
Altissimu onnipotente bon signore,
tue so le laude la gloria e l’honore et onne benedictione.
Ad te solo, altissimo, se konfano,
et nullu homo ene dignu te mentovare.
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein ist das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Laudato sie, mi’ signore, cun tucte le tue creature,
spetialmente messor lo frate sole,
lo qual’è iorno, et allumini noi per loi.
Et ellu è bellu e radiante cun grande splendore,
de te, altissimo, porta significatione.
Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn Bruder Sonne,
der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz:
von dir, Höchster, ein Sinnbild.
Laudato si’, mi signore, per sora luna e le stelle,
in celu l’ài formate clarite et pretiose et belle.
Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Mond und die Sterne.
Am Himmel hast du sie geformt, klar und kostbar und schön.
Laudato si’, mi signore, per frate vento,
et per aere et nubilo et sereno et onne tempo,
per lo quale a le tue creature dai sustentamento.
Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind,
für Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst.
Laudato si’, mi’ signore, per sor aqua,
la quale è multo utile et humile et pretiosa et casta.
Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser.
Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.
Laudato si’, mi’ signore, per frate focu,
per lo quale enn’allumini la nocte,
ed ello è bello et iocundo et robustoso et forte.
Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Feuer,
durch den du die Nacht erhellst.
Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.
Laudato si, mi’ signore, per sora nostra matre terra,
la quale ne sustenta et governa,
et produce diversi fructi con coloriti flori et herba.
Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.
Laudato si’, mi’ signore, per quelli ke perdonano per lo tuo amore,
et sostengo infirmitate et tribulatione.
Beati quelli ke ’l sosterrano in pace,
ka da te, altissimo, sirano incoronati.
Gelobt seist du, mein Herr, für jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Not.
Selig, die ausharren in Frieden,
denn du, Höchster, wirst sie einst krönen.
Laudato si’, mi’ signore, per sora nostra morte corporale,
da la quale nullu homo vivente pò skappare.
Guai acquelli, ke morrano ne le peccata mortali:
beati quelli ke trovarà ne le tue sanctissime voluntati,
ka la morte secunda nol farra male.
Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Laudate et benedicete mi’ signore,
et rengratiate et serviateli cum grande humilitate.
Lobt und preist meinen Herrn
und dankt und dient ihm mit großer Demut.
In den Jahren 2023 bis 2026 feiern die Franziskaner:innen verschiedene 800-Jahr Feiern. Im Jahr 2023 gedachte die franziskanische Familie der ersten Krippenfeier in Greccio. Im 2024 sind es gemäss der Vita des Heiligen 800 Jahre her, seit er die Stigmata empfangen hat. Im Jahr 2025 wurde der Sonnengesang gefeiert und im 2026 wird dem «Transitus» – dem Tod des Franziskus gedacht. Im Rahmen dieser Gedenkjahre wage ich eine persönliche Annäherung an Franz von Assisi.
Im Rahmen einer Jugendfahrt nach Rom war ich zum ersten Mal in Assisi. Wir besuchten die Basilika S. Francesco mit den farbenfrohen Fresken von Giotto di Bondone; S. Damiano mit dem imposanten Kreuz; die Carceri, die oberhalb von Assisi liegen und für Franziskus ein Rückzugsort waren und natürlich die Portiunkulakapelle, die kleine Kirche im Innern der Grossen. All diese Orte haben mich beeindruckt. Sie erzählen Geschichte und Geschichten aus dem Leben des grossen Heiligen. Da taucht immer wieder Klara auf, die sich mit Franz ganz in die Nachfolge Christi stellen wollte und später selber heiliggesprochen wurde; da illustrieren Malereien, wie Franziskus den Vögeln und Fischen predigte. Beeindruckt hat mich als Teenagerin vor allem wie er seine vornehmen Kleider vor dem Bischof und dem Volk ablegte, sie seinem Vater zurückgab und das einfache Büssergewand nahm. Als Jugendliche gefiel mir dieser Revoluzzer, der mit dem Establishment brach und damals schon ökologisch dachte. Damit meine ich, dass Franziskus die Schöpfung als Ganzes dachte und nicht davon ausging, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei. Einige Jahrhunderte später sollte sogar ein Papst den Namen dieses Heiligen tragen, Papst Franziskus. Das Leben des heiligen Franz von Assisi und seine Person beeindrucken mich noch heute. Zu seinem Leben und Wirken fallen mir zwei Stichworte ein: Wenden und Wunden.
Wenden
Die Wende im Leben des Heiligen Franziskus vom reichen Kaufmannssohn zum Bettelmönch ist vermutlich nicht von heute auf morgen geschehen. Es war wohl vielmehr ein stetiger Prozess mit unterschiedlichen Facetten. Ein Wandlungprozess! Es gibt entscheidende Szenen im Leben des Heiligen, die für seine radikale Neuorientierung entscheidend waren. Erst in der Zusammenschau all dieser Szenen ist sein Leben nachvollziehbar und kann von Wende gesprochen werden. Einige Szenen, die mich beeindrucken, möchte ich hier anführen.
Da ist zunächst die Begegnung mit den Aussätzigen. Sie veränderte etwas im Innersten von Franziskus. Sein anfänglicher Ekel wandelte sich im Zusammensein und in der Pflege der Kranken in eine geschwisterliche Liebe. Die ganze Not des menschlichen Lebens offenbarte sich für Franziskus in den aus-gesetzten Mitmenschen.
Ein Traum in Spoleto liess ihn über Nacht seine Pläne aufgeben. Seine Absicht in den Kampf zu ziehen und damit die Chance zu nützen, in den Ritterstand aufzusteigen, vergab er sich, indem er nach Hause umkehrte. Diese Abwendung von seinen ursprünglichen Plänen sahen Freunde und Familie als ein persönliches Scheitern. Für Franz war das die Hinwendung zu einer neuen Lebenshaltung: Die selbstgewählte Armut. Diese illustrierte er gleichsam durch das Ablegen seiner teuren Kleider und deren Rückgabe an den Vater. Er tat dies öffentlich auf dem Marktplatz vor dem Bischof und dem Volk und stand im wahrsten Sinne des Wortes nackt da mit seinem Entschluss neu zu beginnen. Dabei ging es dem Heiligen Franziskus weniger um quälende Armut, um Hunger, Not und Entbehrung, sondern um eine freiwillige Armut, die neue Räume und geistige Weite eröffnet. Hier erinnere ich mich gerne an die Darstellung des deutschen Künstlerpfarrers Sieger Köder, wo Franziskus mit Frau Armut tanzt. Damit bekommt die Armut eine ganz leichte, fröhliche und spielerische Gestalt.
Schliesslich soll die Begegnung mit dem Gekreuzigten in S. Damiano erwähnt werden. Der Gekreuzigte erteilt dem Heiligen einen Auftrag, den dieser auf Anhieb nicht richtig versteht. «Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf!» Später soll dieser Auftrag dem Heiligen Antrieb werden, zu einer Umgestaltung der christlichen Gesellschaft des Mittelalters.
Franziskus ist wandelbar. Er lässt Träume zu. Er sucht das Mehr im Wenigen. Er ist nicht perfekt. Den Auftrag das Haus Gottes aufzubauen, interpretiert er zunächst nicht richtig. Er geht und renoviert die Kapelle S. Damiano. Das alles ist tröstlich und macht den Heiligen aus Assisi so nahbar. Seine Wende war ein stetiges Wenden, vielleicht manchmal auch winden, sich herauswinden aus dem, was gefangen hielt. Doch in der Zusammenschau war es eine wunderbare Wandlung eines Menschen, der für so viele in den vergangenen 800 Jahren zum Vorbild wurde.
Wunden
Wenn ich über Franziskus nachdenke, komme ich nicht an der Erzählung seiner Stigmatisierung vorbei. Auf dem Berg La Verne empfing Franziskus 1224 die Wundmale Jesu an seinem eigenen Körper. Die Stigmatisierung ereignete sich gegen Ende seines Lebens. Die künstlerischen Darstellungen zeigen mal einen Engel, mal den Gekreuzigten von denen Lichtstrahlen oder Lichtpfeile ausgingen und dem Heiligen die Male zufügten. Die Stigmatisation zeigt, dass der Heilige Franziskus ganz in die Nähe von Christus rückt. Er wird ihm gleich. Die Kunst benennt das als «Alter Christus», den «anderen Christus».
So zentral wie bei Franziskus kommen mir die Wunden nur in der Erzählung des Apostels Thomas vor. Wobei es dort nicht die eigenen Wunden sind. Thomas, der die Auferstehung Christi nicht glauben konnte und erst durch die Berührung der Wunden Christi vom Zweifel zum Glauben kam. Seinen Gedenktag feiern wir am 3. Juli – früher war es der 21. Dezember. Es ist die längste Nacht, der kürzeste Tag. Und diese Nacht des 21. Dezembers nannte man an vielen Orten: die Thomasnacht. Thomas verharrte von allen Jüngern Jesu am längsten in der «Nacht», im Unglauben. Es nahm ihn tatsächlich wunder, was es mit der Auferstehung auf sich hat. So kam er erst durch die Wunden aus dieser Umnachtung heraus. Ein Wunder, durch Wunden!
Tatsächlich bezeichnet das Wort «Wunder» ursprünglich nicht nur das, was Verwunderung hervorruft, sondern auch das Verwundern oder Erstaunen selbst, wie es in der Redewendung »es nimmt mich wunder« noch gebraucht wird. Ob es bei Franziskus ähnlich war? Sind die Wundmale ein Siegel seines Glaubensweg? Jedenfalls beeindruckt es mich immer neu, wenn ich die Bilder der Stigmatisierung sehe. Franziskus wurde durch den Glauben geprägt, wahrhaftig und sichtbar. Das macht mir Eindruck. Und dann frage ich mich, wo lasse ich mich verwunden, im besten Sinne des Wortes «verwundern» von Gott.
Dieser Text erschien zuerst im Ferment Bildband 2024
Sibylle Hardegger
Monatsgast im September
Unser Monatsgast im September, Florian Lüthi, beschäftigt sich ausführlich mit diesem besonderen Heiligen. Florian lebt in Biel, hat neben einem Bachelorabschluss in Ethnologie und Geschichte auch Theologie in Luzern und Paris studiert, Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Dienststelle Vox ethica in Fribourg. Ab 1. September ist er Generalsekretär der AGCK.CH (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz).
