Kennst Du Zeiten, die sich schwer anfühlen – aber trotzdem wichtig sind? Genau darum geht es in der Karwoche. Das Wort bedeutet „schwere“ oder „traurige Woche“. Es kommt vom alten Wort «kara», das Klage und Trauer meint. Die Karwoche erzählt von den letzten Tagen Jesu – von Nähe, Angst, Leid und Abschied.
Sie beginnt mit dem Palmsonntag und führt Schritt für Schritt weiter: zum letzten Abendmahl mit seinen Freunden, zum Verrat, zur Verurteilung und schliesslich zum Tod am Kreuz an Karfreitag. In der katholischen Kirche werden diese Tage besonders intensiv gefeiert – nicht nur als Erinnerung, sondern als Weg, den man innerlich mitgeht.
Die Karwoche nimmt die Erfahrungen auf, die viele kennen: dass Freude kippen kann, dass Beziehungen zerbrechen, dass es Zeiten gibt, in denen man nichts beschönigen kann. Und doch bleibt sie nicht im Dunkel stehen. Sie zeigt einen Weg durch das Leid hindurch – und hält daran fest, dass daraus neues Leben wachsen kann.

Kennst Du diese Spannung – zwischen Begeisterung und Zweifel, zwischen „Hosanna“ und „Kreuzigt ihn“? Genau dort setzt der Palmsonntag an. Er eröffnet die Karwoche und erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem: gefeiert mit Palmzweigen und Jubelrufen – und doch steht das Leiden schon im Raum.
In der katholischen Liturgie prallen diese Gegensätze bewusst aufeinander. Die Palmzweige werden gesegnet, gleichzeitig wird die Passion gelesen. So zeigt sich: Der Weg Jesu führt nicht am Leid vorbei, sondern hindurch – hin zur Auferstehung.
Palmsonntag ist damit auch ein Spiegel für das eigene Leben. Zwischen Zustimmung und Ablehnung, Nähe und Distanz stellt sich die Frage: Wo stehe ich? Die Palmzweige werden so zu einem Zeichen der Hoffnung – nicht trotz dieser Spannung, sondern mitten darin.
Am Hohen Donnerstag – auch Gründonnerstag genannt – erinnern wir uns an die Einsetzung des Abendmahls, die Einsetzung der Eucharistie, das Geschenk der Kommunion. Jesus hat vor seiner Auslieferung zusammen mit seinen Jüngern und Jüngerinnen Abendmahl gefeiert. Jesus wusste, dass er die Welt verlassen würde. Er wollte seine Jünger und Jüngerinnen nicht sich selbst überlassen. Deshalb hat er sich ihnen in besonderer Weise hinterlassen: In den Speisen von Brot und Wein. In den einfachen Zeichen, die der Mensch durch seine Arbeit erschafft. Dargebracht, verwandelt und ausgeteilt ist Jesus Christus in diesem Brot und in diesem Wein gegenwärtig mitten unter uns. Das ist unfassbar und gleichzeitig mit Händen fassbar. Es ist die intensivste Begegnung, die wir mit Christus haben dürfen. Sein Vermächtnis geht noch weiter: Indem er uns an seinen Tisch ruft und sich uns selber schenkt, bringt er auch uns Christgläubige zusammen. Er bringt uns zusammen als «Kumpane». Das lateinische Wort «cum» heisst «mit» und «pane» bedeutet «Brot». Kumpane – das sind die, welche miteinander das Brot teilen. Das Gegenteil davon sind die Eigen-brötler.
Und: An seinem Tisch bringt er uns sogar mit denen zusammen, die schon längst nicht mehr unter uns sind, unsere Lieben, die Verstorbenen und alle Heiligen; genauso wie mit denen, die erst noch geboren werden sollen. So versammelt sich eine sichtbare und unsichtbare Gemeinschaft an seinem Tisch – verbunden «cum pane» mit dem Brot, das geteilt wird. So sprengt das Abendmahl Zeit und Ewigkeit.
Karfreitag ist der Todestag Jesu. Nachdem er verurteilt wurde, liess man ihn ein Kreuz auf eine Anhöhe vor der Stadt Jerusalem tragen. Dort nagelte man ihn ans Kreuz – zusammen mit anderen zum Tod Verurteilten. Der Überlieferung nach starb Jesus am Nachmittag. Deshalb wird in der katholischen Kirche die Karfreitagsliturgie nachmittags um 15 h gefeiert.
Die Leidensgeschichte wie sie uns die Evangelisten erzählen, ist eindrücklich. Jesus trägt das Kreuz. Er wird ans Kreuz genagelt. Jesus betet, dann stirbt er. Jede und jeder hat diese Bilder im Gedächtnis. Die Szenen müssen nicht mit viel Geschwätz zerredet werden. Der Tod Jesu ist genug Drama, da braucht es nicht noch den heraufbeschworenen Schrei und die Verzweiflung des Sterbenden. Mit Sicherheit hat Jesus am Kreuz nicht geschrien. Physisch war das gar nicht möglich. So geschwächt, so geschunden wie er war. Vielleicht kommt die Vorstellung daher, weil Jesus am Kreuz den Anfang von Psalm 22 betet am Kreuz:
«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.»
Es ist der Psalm, den Juden in ihrer Todesstunde beten. Drei Evangelisten zitieren Jesus mit dem Psalm 22, das weist ihn als gläubigen Juden aus. Jesus stirbt im Grundvertrauen, dass Gott ihn nicht allein lässt. Er stirbt nicht in Gottesferne. Im zweiten Teil von Psalm 22 nimmt der Text die Hoffnung, die Zuversicht und das Vertrauen auf:
« Herr, sei nicht ferne, ich will dich rühmen, preisen, loben, du hast dein Angesicht nicht verborgen, wir werden den kommenden Geschlechtern erzählen»
Jesus hat nicht an Gott gezweifelt, auch nicht in der Stunde des Todes, aber er hat gerungen um den Weg. Der Evangelist Johannes schreibt: «Jesus spricht, ‚es ist vollbracht’». Ja, Jesus gibt den Geist zurück, den er am Jordan empfangen hat. Das meint, jetzt ist Gott am Handeln. Er, auf den Jesus sein Vertrauen setzte. Und wir wissen: Seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht.
Der Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe. Jesus wurde in einem Grab beigesetzt, das mit einem grossen Stein verschlossen wurde. Seine Jünger und Jüngerinnen trauern.
Für uns heutige Christen und Christinnen ist der Karsamstag der Tag der Stille zwischen Tod und Auferstehung. Das heisst, er ist zwar geprägt von Trauer, aber auch von gespannter Erwartung auf das Osterwunder. Es gilt diese Stille auszuhalten bis am Ostermorgen – wahrlich – der neue Tag anbricht.
Übrigens: Im Glaubensbekenntnis sprechen die katholischen Christen und Christinnen «hinabgestiegen in das Reich des Todes». Dieser Satz aus dem Glaubensbekenntnis ist ganz eng mit dem Karsamstag verbunden. Dieser Teil des Bekenntnisses besagt, dass Jesus nach seinem Tod am Kreuz in das «Reich der Toten» hinabgestiegen ist – also dorthin, wo alle Verstorbenen sind. Die Vorstellung sagt:
Jesus lässt die Toten nicht allein. Er teilt das Schicksal der Menschen bis ganz unten. Er «öffnet die Türen» des Todes.
In vielen künstlerischen Darstellungen sieht man ihn, wie er Adam und Eva aus dem Totenreich herausführt – ein Zeichen dafür. dass seine Rettung allen gilt.
Es gibt also folglich keinen Ort, an den Gottes Liebe nicht hinreicht. Der Tod ist nicht das letzte Wort. Schon am Karsamstag beginnt die Überwindung des Todes.
