Yolima Salazar und Amber-Louise Renold
Yolima Salazar
Amber-Louise Renold
Yolima Salazar ist Sozialarbeiterin und spezialisiert auf Management und Entwicklung ländlicher Gemeinden. Seit 38 Jahren setzt sie sich bei Vicaría del Sur (Caquetá, Kolumbien), einer der ältesten Partnerorganisationen von Fastenaktion, für sozio-ökologische Gerechtigkeit und das «Buen Vivir» (gutes Leben) ein.
Diesen März besucht sie die Schweiz als Gast der Ökumenischen Kampagne von Fastenaktion, HEKS und Partner Sein.
Die Vicaría del Sur fördert eine agrarökologische Bewirtschaftung und den Schutz des Amazonasgebiets. Ihr Ziel ist es, die Lebensbedingungen, die Ernährungssicherheit und die Rechte der lokalen bäuerlichen Bevölkerung nachhaltig zu verbessern Dabei werden nicht nur ihre Rechte und Fähigkeiten gestärkt, sondern auch ihre Lebensweise und ihre Verbindung zur heimischen Amazonasregion gewürdigt.
Amber-Louise Renold ist Theologin und Religionswissenschaftlerin und hat die Fachverantwortung bei Fastenaktion für den Bereich Theologie und Sensibilisierung.
Seit einigen Jahren schon arbeitet sie für den Sensibilisierungsbereich an Schulen und Kirchgemeinden für die Themen nationalen und globalen Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte, sowie Zusammenleben von verschiedenen Kulturen und Religionen.
Das Thema Fasten ist wohl schon so medienpräsent wie schon lange nicht mehr. Genau dort setzen die ökumenische Kampagne und die Sensibilisierungsarbeit an.
Yolima und Amber-Louise berichten von ihrer Tour durch die Schweiz, von Begegnungen in Pfarreien und Kirchgemeinden und von den Fragen, die ihnen gestellt werden oder die sie selber umtreiben.
Das gemeinsame Haus
Zum Abschluss: Diese Gedanken, die ich mit euch geteilt habe, helfen uns, nicht zu vergessen, dass Gott uns ein gemeinsames Haus geschenkt hat, damit wir in Harmonie leben: Gott, Menschen und Natur.
Doch die Gier von Menschen und Nationen hat Armut, Ungleichheit, die Klimakrise, Kriege und das Leid von Millionen von Menschen verursacht.
Der Aufruf ist daher, dass wir, ausgehend von dem, was wir sind und was wir tun, konkrete Schritte unternehmen, um diese Realität zu verändern und zu einer solidarischeren und gerechteren Welt beizutragen.
Yolima
Lernen durch hören
Anknüpfend an das, was ich gestern geteilt habe, bedeutet gutes Leben auch, dem anderen zuzuhören, seine Weisheit zu schätzen, jeden Tag zu lernen und das Evangelium Jesu zu lesen. Wenn wir es ausgehend von der Realität und den Bedürfnissen der Menschen leben, hilft es uns, gemeinsam zu gehen und eine geschwisterliche, solidarischere und inklusivere Welt aufzubauen.
Die geistige Nahrung ergänzt sich mit der materiellen Nahrung. Die einheimischen und traditionellen Saatgut müssen geschützt werden, damit sie weiterhin ein Erbe der Völker bleiben. Ein gerechter und breiter Zugang zu einheimischem und traditionellem Saatgut kann die Ernährungssouveränität der benachteiligsten Menschen der Welt sichern.
Yolima
Que es el buen vivir? Was ist das gute Leben?
Wir sollten uns immer wieder die Frage stellen, was ein gutes Leben ausmacht, damit uns die Konsumgesellschaft nicht vereinnahmt und uns das Glück nicht nimmt. Diese Frage hilft uns, die kleinen und grossen Dinge wertzuschätzen, die wir haben: die Familie, mit der wir gute und schwierige Zeiten teilen; die Gesundheit, die uns erlaubt, weiter zu atmen und das Leben zu geniessen; die Freunde, mit denen wir lachen und auch weinen; gesunde und ausreichende Nahrung; und die Arbeit, die uns ermöglicht, die uns erfüllt und unseren Lebensunterhalt sichert.
Es sind so viele Dinge, die uns ein gutes, erfülltes und glückliches Leben schenken.
Yolima
Geschwisterliche Beziehung
Diese Fastenzeit lädt uns ein, über die aktuellen sozialen und ökologischen Krisen nachzudenken und aktiv zu handeln. Es geht darum, die Fürsorge für unser gemeinsames Haus, die Schöpfung, für geschwisterliche Beziehungen, für eine Kultur der Begegnung zwischen den Menschen sowie für die direkte Beziehung zu Gott, «unserem Vater und unserer Mutter», zu leben und miteinander zu verbinden.
Eine Fastenzeit, in der wir das «Rufen der Mutter Erde» gemeinsam mit dem «Rufen der Armen» wahrnehmen, verlangt sowohl eine spirituelle als auch eine konkrete Antwort. So können die vier Träume von Papst Franziskus durch Fürsorge, Schutz und Verteidigung des Lebens Wirklichkeit werden.
Jesus weist uns den Weg zu einem Osterfest der Hoffnung, in dem wir erkennen, dass Veränderung möglich ist, wenn wir unser gemeinsames Haus, die Schöpfung, bewahren und pflegen.
Yolima
Solidarität ist…
… die Verantwortung jedes Christen, jeder Christin und jedes guten Bürgers und jeder Bürgerin
Jeden Morgen aufzuwachen und zu atmen ist eine Gelegenheit, Gott für alles zu danken, was er uns schenkt. Gleichzeitig ist es eine Chance zu beten und grosszügig mit jenen Menschen zu teilen, die nicht die Mittel für ein würdiges Leben haben.
Yolima
Hoffnung säen
Die Vicaria del Sur ist eine kirchliche Organisation der Erzdiözese Florencia im Departement Caquetá in Kolumbien. Sie begleitet Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Gemeinschaften durch ganzheitliche Bildungsarbeit. Ausgehend von der Verbindung von Glauben und Leben fördert sie kritisches Bewusstsein und ein christliches sowie zivilgesellschaftliches Engagement. Ziel ist es, das Leben der bäuerlichen Bevölkerung zu würdigen, die Menschenrechte und den Amazonas zu schützen und zum Aufbau des Friedens beizutragen.
Die Verbindung von Glauben und Leben prägt das Engagement jedes Christen und die Begleit- und Unterstützungsarbeit der kirchlichen Organisation Vicaría del Sur für benachteiligte Gemeinschaften im Süden Kolumbiens.
Jesus hat auf die Herausforderungen seiner Zeit und die Bedürfnisse der Schwächsten geantwortet. Er lädt uns auch heute ein, das Evangelium im Licht der gegenwärtigen Realität und ihrer Herausforderungen zu leben. Nur so können wir auf den Ruf der Ärmsten reagieren und dazu beitragen, dass alle Menschen auf allen Kontinenten Leben in Fülle erfahren.
Lasst uns Tag für Tag Saatgut der Hoffnung säen.
Yolima

Die Grundlage der Almosen
Um meine These zu stützen, dass Fasten und Almosen Hand in Hand gehen, so wie es unsere jüdischen und muslimischen Geschwister noch leben, möchte ich einige wichtige theologische Gedanken teilen. «Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.» (Lk. 18,12) Solche simplen aussagen, zum Thema Almosen lassen sich zu hunderten im Neuen wie auch im Alten Testament finden. Immer mit der gleichen Intention, um Dorothee Sölle zu zitieren: «Gott hat keine anderen Hände als unsere.» Gott zu dienen, bedeutet, den Menschen zu dienen. Diese Grundlage sollten wir, wenn wir nicht nur aus medizinischen Gründen fasten, sondern aus spirituellen und der der Achtsamkeit, nicht verlieren. Denn wenn wir die Grundlage des Fastens verlieren, werden wir auch die Grundlage der Ostern selbst verlieren. «Christus ist auferstanden in unserer Mitte. Für mich und dich eine freudige Botschaft.» (armenischer Ostergruss).

Fastentrend bedeutet nicht Almosentrend
Wie bereits geschildert, fehlt mir der Fastenzeit teils etwas die kollektive Freude, aber auch die christlich-spirituelle Komponente. Achtsamkeit ist durchaus ein spiritueller Wert, den es zu fördern gilt und welcher durch alle Fastenmethoden abgedeckt werden kann, doch was häufig ausbleibt im heutigen Fastentrend, sind die Almosen. Auch hier lässt sich von unseren muslimischen und jüdischen Geschwistern abschauen: Sedaka/Zakat, also die Almosen, gehören selbstverständlich zum Fasten dazu. Es geht Hand in Hand. Auch bei uns war dies vor einigen Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Das Fleisch oder die Speisen, auf die verzichtet wird, werden an die Armen und Bedürftigen verteilt.
Selbstverständlich erwartet niemand mehr, dass persönlich ein Lamm geschlachtet und das Fleisch verteilt wird, doch sind genau solche Institutionen wie ehemalig Fastenopfer und Brot für alle (heute: Fastenaktion/HEKS) in den 1960er Jahren entstanden, um diese Bedürfnisse der Almosen in einer neuen Form des Geldspendens zu erfüllen. Dieser Gedanke gilt nicht als Werbung, sondern vielmehr, um zu zeigen, dass es ein Aspekt ist, der verloren ging in den heutigen Formen des individuellen Fastens.

Was wir von Ramadan lernen können
Dieses Jahr ging es durch alle Medien viral: Der muslimische Fastenmonat Ramadan, sowie die 40-tägige christliche Fastenzeit vor Ostern begannen zusammen.
Ramadan ist in vielen muslimisch geprägten Ländern, was bei uns vergleichbar wäre mit der Adventszeit: Häuser und Strassen werden mit Lichtern geschmückt, es gibt spezielle Speisen und Gebäcke, welche wohlgemerkt erst nach Sonnenuntergang konsumiert werden, die Kinder werden besonders verwöhnt. In dieser freudigen Stimmung, ist auch das harte Fasten der Muslim:innen, ohne Flüssigkeit und Nahrung den ganzen Tag lang, aushaltbar. Dieser Spirit, der Freude, fehlt mir persönlich immer wieder in der Passionszeit. Die Freude, die wir doch auch aus dem Advent kennen, lässt sich in der Passionszeit nicht finden. Die 40 Tage vor Ostern sind hektisch und das Fasten wird eher zur Last. Wünsche ich mir doch manchmal, dass wir die christliche Fastenzeit, genauso wie Ramadan, wieder etwas mehr sensibilisieren in der Gesellschaft, und dass trotz unterschiedlichen Fastenmethoden, wir uns gemeinsam, auf das Ende der Fastenzeit, und Ostern freuen können.
Fasten im Trend

Fastenkuren, Fastenretreats, Intervallfasten und vieles mehr hört man immer wieder in den Medien, von Freuden, ja sogar am Stammtisch in der Beiz. Die grosse Fastenzeit vor Ostern, tief in allen christlichen Traditionen rund um den Globus verankert, hat begonnen. Vermehrt auch lassen sich andere Formen des Fastens finden wie Social Media Abstinenz, oder gezieltes spazieren in der Natur- doch haben alle Trends, nicht die gleiche Ursprüngliche Idee des religiösen Fastens verankert- sich auch Gott zuzuwenden, und den Mitmenschen. Auch vom Fasten lässt sich die Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft nicht aufhalten. Ich masse mir nicht an diese Formen zu ver- oder beurteilen, doch bin ich gespannt, wie sich dieser Trend noch entwickelt.
