Yolima Salazar und Amber-Louise Renold
Yolima Salazar
Amber-Louise Renold
Yolima Salazar ist Sozialarbeiterin und spezialisiert auf Management und Entwicklung ländlicher Gemeinden. Seit 38 Jahren setzt sie sich bei Vicaría del Sur (Caquetá, Kolumbien), einer der ältesten Partnerorganisationen von Fastenaktion, für sozio-ökologische Gerechtigkeit und das «Buen Vivir» (gutes Leben) ein.
Diesen März besucht sie die Schweiz als Gast der Ökumenischen Kampagne von Fastenaktion, HEKS und Partner Sein.
Die Vicaría del Sur fördert eine agrarökologische Bewirtschaftung und den Schutz des Amazonasgebiets. Ihr Ziel ist es, die Lebensbedingungen, die Ernährungssicherheit und die Rechte der lokalen bäuerlichen Bevölkerung nachhaltig zu verbessern Dabei werden nicht nur ihre Rechte und Fähigkeiten gestärkt, sondern auch ihre Lebensweise und ihre Verbindung zur heimischen Amazonasregion gewürdigt.
Amber-Louise Renold ist Theologin und Religionswissenschaftlerin und hat die Fachverantwortung bei Fastenaktion für den Bereich Theologie und Sensibilisierung.
Seit einigen Jahren schon arbeitet sie für den Sensibilisierungsbereich an Schulen und Kirchgemeinden für die Themen nationalen und globalen Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte, sowie Zusammenleben von verschiedenen Kulturen und Religionen.
Das Thema Fasten ist wohl schon so medienpräsent wie schon lange nicht mehr. Genau dort setzen die ökumenische Kampagne und die Sensibilisierungsarbeit an.
Wir danken Yolima und Amber-Louise für ihre Berichte in unserer Rubrik «Unser Gast» im Monat März

Tour de Suisse (2)
Immer wieder wurden wir auch mit interessierten und differenzierten Fragen zur politischen Situation, zur Aufarbeitung der Folgen des Bürgerkriegs sowie zur Verwendung der Spenden konfrontiert. Für uns war es besonders wertvoll, als direkte Zeuginnen aus der Praxis zu erzählen und zu zeigen, wie viel die Unterstützung aus der Schweiz für unsere Arbeit bewirkt.
Die Tournee war intensiv, aber auch sehr erfolgreich. Neben dem fachlichen Austausch bleiben uns vor allem die vielen herzlichen Begegnungen in Erinnerung.
Wir danken der Schweizer Zivilgesellschaft herzlich für die Unterstützung, die benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Kolumbien durch Fastenaktion bekommen.
Und wir hoffen, dass wir etwas von unserer Zuversicht weitergeben konnten: die Zuversicht, dass wir gemeinsam, hier und weltweit, dazu beitragen können, die Welt gerechter zu machen.
Yolima
Tour de Suisse
In den vergangenen zweieinhalb Wochen waren wir, Angela Gonzalez und ich, beide in der Vicaría del Sur in Kolumbien tätig, sowie Bettina Glaser, Praktikantin der Ökumenischen Kampagne von Fastenaktion und unsere Übersetzerin, im Rahmen der Ökumenischen Kampagne von Fastenaktion in der Schweiz unterwegs. Dabei besuchten wir Pfarreien, Gottesdienste und Bildungsinstitutionen in deutsch- und italienischsprachigen Kantonen. Insgesamt hatten wir 17 Einsätze in 7 Kantonen.
Die vielfältigen Begegnungen waren sehr bereichernd: Wir konnten die Lage in Kolumbien sowie unsere Begleitung und Unterstützung benachteiligter Bauerngemeinschaften im Caquetá mit den Menschen in der Schweiz teilen und zugleich selbst viel über die Schweiz lernen. Das Interesse war gross und es hat uns gefreut zu sehen, wie ermutigend viele die Rückmeldungen fanden: dass ihre Unterstützung eine konkrete Wirkung für Gemeinschaften vor Ort hat und auf reale lokale Bedürfnisse eingeht, etwa durch Projekte zur Ernährungssicherheit, zum Schutz von Saatgut und zur Förderung des Friedens, mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung zu verbessern und das amazonische Ökosystem zu schützen. Besonders berührt hat uns, wie viele Menschen die Bedeutung von Saatgut und den Erhalt unserer Nahrungsgrundlagen teilen.
Yolima
Der Niger – Teil 3
Die Mission des Agrarökonomen Nassirou besteht in seinem Land darin: Die Menschen zu sensibilisieren und schulen. Er geht von Dorf zu Dorf, spricht mit dem Dorfchef, dieser trommelt alle zusammen. Er zeigt den Leuten wie man kompostiert, wie sie ihr eigenes Biopestizid herstellen können aus einheimischen Pflanzen, wie man nachhaltig Holz schlägt (denn, Strom fürs Kochen gibt es nicht, geschweige denn Gas), und das Wichtigste, er baut mit den Leuten vor Ort ein Saatgut Netzwerk auf.
Wer Saatgut hat, kann Hoffnung säen. Richtig gelernt, was dieser Slogan bedeutet, habe ich erst jetzt. In einem Land, welches an drei Grenzen von terroristischen Organisationen angegriffen wird – Tschad Al-Quaida, Mali IS, Nigeria Boku Haram -; ein Land, in dem die Bevölkerung, wenn die Ernte mal schlecht ausfällt, Hunger leidet; in dem der Präsident sich nicht interessiert für die Bevölkerung, und französische Unternehmen immer noch Gold, Öl und andere Bodenschätze nimmt, ohne einen Cent Steuern zu zahlen, geschweige denn einen anständigen Lohn für Minenarbeiter zahlt, da ist Hoffnung ein seltenes Gut.
Wer Saatgut hat, kann Zukunft säen. Nassirou erklärt immer wieder, wie wichtig es ist, dass die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Niger unabhängig bleiben mit ihren lokalen Pflanzen, welche in der Sahelzone wachsen können. Mit kleinen Hilfsmitteln und Bildung, werden die Leute langsam langsam selbstständiger. Wer weiss, vielleicht gibt es auch mal einen Wandel in diesem Land. Hoffnung gibt es.
Tatsächlich ist das etwas, dass ich lernen durfte, obwohl ich nicht wusste, dass ich das lernen muss.
Amber-Louise

Der Niger – Teil 2
Mein Gast Nassriou hatte es also trotz Strapazen in die Schweiz geschafft. Am Montag, 16. März 2026 begann unsere Tour de Suisse. Seitdem sind wir unterwegs in Kirchgemeinden, Schulen und weitere Institutionen. Er präsentiert in der Sprache der ehemaligen Kolonialherrschaft: Französisch. Bis heute die Amtssprache Nigers, obwohl die Bevölkerung eigentlich mit 56% Hausa spricht, gefolgt von zehn weiteren lokalen Sprachen. Ich übersetzte lediglich von Französisch auf Deutsch, wohlgemerkt, bin ich keine ausgebildete Dolmetscherin, und definitiv nicht Bilingue. Aber, man lernt nie aus. Ich lernte, dass die Schweiz von der Fläche her, 28-mal in den Niger reinpassen würde. Obwohl die Bevölkerung nur 3-mal so viel ist – mit 27 Millionen Einwohnern. Das liegt hauptsächlich daran, dass zwei Drittel des Landes Wüste ist: Unbewohnbar. Der letzte Drittel nicht weniger trocken. Es regnet nicht von Oktober bis Mai. Landwirtschaft ist nur möglich in den vier Sommermonaten. Über 80 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. In diesem Umfeld hat Nassirou viel zu tun.
Amber-Louise
Der Niger – Teil 1
Ich habe einmal in meinem Leben was über den Niger gehört: In der 3. Bezirksschule in Baden (Kanton Aargau, wäre das 8. Schuljahr der Grundschule, die Oberstufe).
Damals in der dritten Bez, hatten wir bei unserem Geografielehrer, Herr Schöpfer, ein «Afrika Test». Wir mussten alle 54 Nationalstaaten des afrikanischen Kontinentes auswendig lernen: Name, Hauptstadt, und wo es sich auf der Karte befindet. Damals war der Südsudan gerade erst neu gegründet worden, und Eswatini hiess noch Swasiland. So lernte die ganze Klasse gut für diesen Test, ausser meiner besten Freundin und ich, die in den Lehrer verknallt waren, und ihm nicht zuhörten, sondern eher Faxen machten. Tatsächlich ist mir aber hängengeblieben, dass Niger ein Binnenstaat ist mit der Hauptstaat Niamey. Etwas hatte ich gelernt: Die Note im Test war allerdings: 2.4.
Amber-Louis
Wann haben Sie das letzte Mal ein Visum beantragt?
Samstag, 14. März: Eigentlich sollte mein Gast aus Niger, der Agrarökonom Nassirou Saidou von der Organisation Sahel Bio im Niger, in Genf am Flughafen ankommen. Er fliegt mit einem Connectionflight von Niameh über Istanbul nach Genf. Ich kriege an jenem Samstagmorgen einen Anruf: Nassirou steckt in Istanbul fest. Der türkische Grenzschutz hält ihn auf, sein Visum sei nicht gültig. Wie kann das sein? Er hat doch ein Visum für den gesamten Schengenraum? Nachdem mir kein Grenzpolizist in Istanbul sagen konnte, was das Problem sei, boten sie mir, aus welchen Gründen auch immer an, ihn nach Madrid fliegen zu lassen, von dort könne er dann in die Schweiz reisen, über Istanbul würde es nicht gehen. Am Sonntagabend kam er dann schliesslich an, mein Gast. «Das sei normal». «Was hast du denn erwartet? Das machen sie mit allen Afrikanern!» Musste ich mir im Nachhinein anhören. Das Reiseprivileg, welches ich geniesse, ist natürlich nicht allen Menschen gewährleistet. Doch zu lernen, dass die Türkei, für jeden Menschen aus dem afrikanischen Kontinent, welchen sie festhalten Geld kriegen aus der EU – egal ob diese Person ein Visum hat oder nicht – schockierte mich dann doch.
Amber-Louise
«Man lernt nie aus.»
Dieses Sprichwort ist wohl eines, das ich am meisten höre oder – zumindest als erst 27 Jahre alte Person – oft zu hören kriege, gerade von Menschen, die älter sind als ich. Ich frage mich dann oft, wie viel ich dann noch lernen soll oder muss, um wirklich etwas erreichen zu können. Gerade wenn ich denke, die Lernkapazität meines Hirnes ist voll ausgeschöpft, bringt Gott mir wieder neue Hirnnahrung auf meinen Weg. Die letzten 10 Tage durfte ich mit einem Gast aus Niger durch die halbe Schweiz touren. Gelernt habe ich dabei Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie zu lernen gibt. > Morgen mehr dazu!
Amber-Louise

So will ich ein Gebet sprechen: Für diejenigen Menschen, welche die Saat in sich tragen, aus ihnen wachsen Pflanzen, aus ihnen wachsen Hoffnung. Sie sind neben uns, mitten unter uns. Erkennen wir nicht ihre Arbeit, wann haben wir das letzte Mal persönlich einem Biobauern «Danke» gesagt? Erkennen wir nicht ihr Fleiss, wann haben wir das letzte Mal einem Anwalt, der für die Rechte der Bäuerinnen kämpft, «Danke» gesagt? Erkennen wir nicht, dass du Gott, mitten unter uns bist, uns wachsen lässt, du, uns Samen, erschaffen hast, uns Samen der Hoffnung. Dafür danke ich dir. Amen.
Amber-Louise

Ich bin die Zukunft
Frau Zukunft lächelt mich an, sie winkt mir zum Abschied und löst sich vor meinen Augen in Luft auf. Als würde sie mir sagen wollen: «Jetzt brauchst du mich nicht mehr.» Nach meiner Erkenntnis, dass ich die Zukunft bin, brauche ich sie wohl nicht mehr. Saatgut ist ein wichtiges Thema, für das es sich zu kämpfen lohnt. Immer zu allen Zeiten. Die Herausforderungen und Probleme des 21. Jahrhundert sind zwar noch da: Der Iran, das Öl die Algorithmen, doch werden auch sie nicht sein, wenn es das Saatgut nicht gäbe. Die Menschen, welche jeden Tag diesen Kampf führen: Den Kampf für gerechte Ernährung. Für die Sicherheit der Ernährung, die Vielfalt, die Biodiversität.
Amber-Louise
Zukunft bestimmen

Saatgut ist ein wichtiges Thema: Es ist unser Recht. Es ist unser Ursprung. Es sind wir. Wir sind das Saatgut – wir sind die Zukunft der Erde. Doch herrschen wir nicht über das Saatgut, sondern wir sind nur ein Teil davon: Wer Saatgut hat – kann Zukunft säen.» Ich würde sagen: «Da ich Saatgut bin, kann ich die Zukunft mitbestimmen.» Nur derjenige, der weiss, was es zu verlieren gibt, kann sich hingeben. Saatgut ist, was uns Menschen, zu Menschen gemacht hat, damals, vor tausenden von Jahren. Wir gehören zusammen; das Korn und ich. Wir sind zwei Samen. Zusammen sind wir Saatgut. Zusammen sind wir das Vergangene, das Gegenwärtige, die Zukunft.
Amber-Louise

Warum?
Ich sitze vor meinem Fernseher, in der Tagesschau sehe ich ein verstörtes Bild nach dem anderen- Menschen, die auf schrecklichster Art und Weise sterben, eine Mutter schreibt, als sie ihr Kind verlor. In meinen Ohren der schrecklichste Klang – eine trauernde Mutter. Frau Zukunft sitzt neben mir auf dem Sofa. Sie berührt mich sanft, sie ist so nah an mir, wie eh und je, und doch ist sie mir nicht vertraut.
Ich drehe mein Kopf zu ihr, halte allerdings meine Augen geschlossen und frage sie zaghaft: «Weisst du, warum das alles geschieht?» Sie antwortet mir nicht. Sie hebt ihren Zeigefinger. Mein Blickt folgt ihrem Finger und ich erkenne, einer Vase steht. Ich verstehe, was sie mir sagen möchte: Auch in der Verwelkung, ist Schönheit. Auch in der dunkelsten Stunde, gibt es Hoffnung, auf einen Lichtblick.
Amber-Louise
Frau Zukunft
«Wer Saatgut hat, kann Zukunft säen.» Das ist das Kampagnenmotto der diesjährigen ökumenischen Kampagne Fastenaktion/HEKS. Ich habe lange versucht zu verstehen, was dieses Motto eigentlich bedeutet. Ich tue mich schwer, in Zeiten dieser geopolitischen Unsicherheiten, Klimawandel, Algorithmen und psychischer Erkrankungen überhaupt zu verstehen, wer oder was Zukunft überhaupt ist. Wenn ich mir die Zukunft als Mensch vorstelle, so ist sie eine Frau, mysteriös, verborgen ihr Lächeln, hinter langen schwarzen Haarsträhnen. Attraktiv, aber unberührbar. Gerne würde ich Sie kennenlernen, doch habe ich auch schrecklich Angst von ihr.
Amber-Louise

Das gemeinsame Haus
Zum Abschluss: Diese Gedanken, die ich mit euch geteilt habe, helfen uns, nicht zu vergessen, dass Gott uns ein gemeinsames Haus geschenkt hat, damit wir in Harmonie leben: Gott, Menschen und Natur.
Doch die Gier von Menschen und Nationen hat Armut, Ungleichheit, die Klimakrise, Kriege und das Leid von Millionen von Menschen verursacht.
Der Aufruf ist daher, dass wir, ausgehend von dem, was wir sind und was wir tun, konkrete Schritte unternehmen, um diese Realität zu verändern und zu einer solidarischeren und gerechteren Welt beizutragen.
Yolima

Lernen durch hören
Anknüpfend an das, was ich gestern geteilt habe, bedeutet gutes Leben auch, dem anderen zuzuhören, seine Weisheit zu schätzen, jeden Tag zu lernen und das Evangelium Jesu zu lesen. Wenn wir es ausgehend von der Realität und den Bedürfnissen der Menschen leben, hilft es uns, gemeinsam zu gehen und eine geschwisterliche, solidarischere und inklusivere Welt aufzubauen.
Die geistige Nahrung ergänzt sich mit der materiellen Nahrung. Die einheimischen und traditionellen Saatgut müssen geschützt werden, damit sie weiterhin ein Erbe der Völker bleiben. Ein gerechter und breiter Zugang zu einheimischem und traditionellem Saatgut kann die Ernährungssouveränität der benachteiligsten Menschen der Welt sichern.
Yolima

Que es el buen vivir? Was ist das gute Leben?
Wir sollten uns immer wieder die Frage stellen, was ein gutes Leben ausmacht, damit uns die Konsumgesellschaft nicht vereinnahmt und uns das Glück nicht nimmt. Diese Frage hilft uns, die kleinen und grossen Dinge wertzuschätzen, die wir haben: die Familie, mit der wir gute und schwierige Zeiten teilen; die Gesundheit, die uns erlaubt, weiter zu atmen und das Leben zu geniessen; die Freunde, mit denen wir lachen und auch weinen; gesunde und ausreichende Nahrung; und die Arbeit, die uns ermöglicht, die uns erfüllt und unseren Lebensunterhalt sichert.
Es sind so viele Dinge, die uns ein gutes, erfülltes und glückliches Leben schenken.
Yolima
Geschwisterliche Beziehung
Diese Fastenzeit lädt uns ein, über die aktuellen sozialen und ökologischen Krisen nachzudenken und aktiv zu handeln. Es geht darum, die Fürsorge für unser gemeinsames Haus, die Schöpfung, für geschwisterliche Beziehungen, für eine Kultur der Begegnung zwischen den Menschen sowie für die direkte Beziehung zu Gott, «unserem Vater und unserer Mutter», zu leben und miteinander zu verbinden.
Eine Fastenzeit, in der wir das «Rufen der Mutter Erde» gemeinsam mit dem «Rufen der Armen» wahrnehmen, verlangt sowohl eine spirituelle als auch eine konkrete Antwort. So können die vier Träume von Papst Franziskus durch Fürsorge, Schutz und Verteidigung des Lebens Wirklichkeit werden.
Jesus weist uns den Weg zu einem Osterfest der Hoffnung, in dem wir erkennen, dass Veränderung möglich ist, wenn wir unser gemeinsames Haus, die Schöpfung, bewahren und pflegen.
Yolima
Solidarität ist…
… die Verantwortung jedes Christen, jeder Christin und jedes guten Bürgers und jeder Bürgerin
Jeden Morgen aufzuwachen und zu atmen ist eine Gelegenheit, Gott für alles zu danken, was er uns schenkt. Gleichzeitig ist es eine Chance zu beten und grosszügig mit jenen Menschen zu teilen, die nicht die Mittel für ein würdiges Leben haben.
Yolima
Hoffnung säen
Die Vicaria del Sur ist eine kirchliche Organisation der Erzdiözese Florencia im Departement Caquetá in Kolumbien. Sie begleitet Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Gemeinschaften durch ganzheitliche Bildungsarbeit. Ausgehend von der Verbindung von Glauben und Leben fördert sie kritisches Bewusstsein und ein christliches sowie zivilgesellschaftliches Engagement. Ziel ist es, das Leben der bäuerlichen Bevölkerung zu würdigen, die Menschenrechte und den Amazonas zu schützen und zum Aufbau des Friedens beizutragen.
Die Verbindung von Glauben und Leben prägt das Engagement jedes Christen und die Begleit- und Unterstützungsarbeit der kirchlichen Organisation Vicaría del Sur für benachteiligte Gemeinschaften im Süden Kolumbiens.
Jesus hat auf die Herausforderungen seiner Zeit und die Bedürfnisse der Schwächsten geantwortet. Er lädt uns auch heute ein, das Evangelium im Licht der gegenwärtigen Realität und ihrer Herausforderungen zu leben. Nur so können wir auf den Ruf der Ärmsten reagieren und dazu beitragen, dass alle Menschen auf allen Kontinenten Leben in Fülle erfahren.
Lasst uns Tag für Tag Saatgut der Hoffnung säen.
Yolima

Die Grundlage der Almosen
Um meine These zu stützen, dass Fasten und Almosen Hand in Hand gehen, so wie es unsere jüdischen und muslimischen Geschwister noch leben, möchte ich einige wichtige theologische Gedanken teilen. «Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.» (Lk. 18,12) Solche simplen aussagen, zum Thema Almosen lassen sich zu hunderten im Neuen wie auch im Alten Testament finden. Immer mit der gleichen Intention, um Dorothee Sölle zu zitieren: «Gott hat keine anderen Hände als unsere.» Gott zu dienen, bedeutet, den Menschen zu dienen. Diese Grundlage sollten wir, wenn wir nicht nur aus medizinischen Gründen fasten, sondern aus spirituellen und der der Achtsamkeit, nicht verlieren. Denn wenn wir die Grundlage des Fastens verlieren, werden wir auch die Grundlage der Ostern selbst verlieren. «Christus ist auferstanden in unserer Mitte. Für mich und dich eine freudige Botschaft.» (armenischer Ostergruss).

Fastentrend bedeutet nicht Almosentrend
Wie bereits geschildert, fehlt mir der Fastenzeit teils etwas die kollektive Freude, aber auch die christlich-spirituelle Komponente. Achtsamkeit ist durchaus ein spiritueller Wert, den es zu fördern gilt und welcher durch alle Fastenmethoden abgedeckt werden kann, doch was häufig ausbleibt im heutigen Fastentrend, sind die Almosen. Auch hier lässt sich von unseren muslimischen und jüdischen Geschwistern abschauen: Sedaka/Zakat, also die Almosen, gehören selbstverständlich zum Fasten dazu. Es geht Hand in Hand. Auch bei uns war dies vor einigen Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Das Fleisch oder die Speisen, auf die verzichtet wird, werden an die Armen und Bedürftigen verteilt.
Selbstverständlich erwartet niemand mehr, dass persönlich ein Lamm geschlachtet und das Fleisch verteilt wird, doch sind genau solche Institutionen wie ehemalig Fastenopfer und Brot für alle (heute: Fastenaktion/HEKS) in den 1960er Jahren entstanden, um diese Bedürfnisse der Almosen in einer neuen Form des Geldspendens zu erfüllen. Dieser Gedanke gilt nicht als Werbung, sondern vielmehr, um zu zeigen, dass es ein Aspekt ist, der verloren ging in den heutigen Formen des individuellen Fastens.

Was wir von Ramadan lernen können
Dieses Jahr ging es durch alle Medien viral: Der muslimische Fastenmonat Ramadan, sowie die 40-tägige christliche Fastenzeit vor Ostern begannen zusammen.
Ramadan ist in vielen muslimisch geprägten Ländern, was bei uns vergleichbar wäre mit der Adventszeit: Häuser und Strassen werden mit Lichtern geschmückt, es gibt spezielle Speisen und Gebäcke, welche wohlgemerkt erst nach Sonnenuntergang konsumiert werden, die Kinder werden besonders verwöhnt. In dieser freudigen Stimmung, ist auch das harte Fasten der Muslim:innen, ohne Flüssigkeit und Nahrung den ganzen Tag lang, aushaltbar. Dieser Spirit, der Freude, fehlt mir persönlich immer wieder in der Passionszeit. Die Freude, die wir doch auch aus dem Advent kennen, lässt sich in der Passionszeit nicht finden. Die 40 Tage vor Ostern sind hektisch und das Fasten wird eher zur Last. Wünsche ich mir doch manchmal, dass wir die christliche Fastenzeit, genauso wie Ramadan, wieder etwas mehr sensibilisieren in der Gesellschaft, und dass trotz unterschiedlichen Fastenmethoden, wir uns gemeinsam, auf das Ende der Fastenzeit, und Ostern freuen können.
Fasten im Trend

Fastenkuren, Fastenretreats, Intervallfasten und vieles mehr hört man immer wieder in den Medien, von Freuden, ja sogar am Stammtisch in der Beiz. Die grosse Fastenzeit vor Ostern, tief in allen christlichen Traditionen rund um den Globus verankert, hat begonnen. Vermehrt auch lassen sich andere Formen des Fastens finden wie Social Media Abstinenz, oder gezieltes spazieren in der Natur- doch haben alle Trends, nicht die gleiche Ursprüngliche Idee des religiösen Fastens verankert- sich auch Gott zuzuwenden, und den Mitmenschen. Auch vom Fasten lässt sich die Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft nicht aufhalten. Ich masse mir nicht an diese Formen zu ver- oder beurteilen, doch bin ich gespannt, wie sich dieser Trend noch entwickelt.
