«Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.» Mt 9,36
Diese Worte wirken überraschend modern. Denn obwohl wir heute so vernetzt sind wie nie zuvor, erleben viele Menschen genau das: Müdigkeit, Erschöpfung und Orientierungslosigkeit.
Unser Smartphone begleitet uns vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Nachrichten, Social Media, E-Mails, Videos und Benachrichtigungen konkurrieren ständig um unsere Aufmerksamkeit. Wir wissen oft, was irgendwo auf der Welt passiert, verlieren dabei aber manchmal den Blick für uns selbst und die Menschen direkt neben uns. Wir sind ständig verbunden – und fühlen uns dennoch nicht selten allein.
Jesus sieht die Menschen seiner Zeit und erkennt hinter der äusseren Fassade ihre innere Erschöpfung. Vielleicht würde er heute etwas Ähnliches sehen: Menschen, die durch endlose Informationen scrollen, nach Anerkennung suchen, sich vergleichen und kaum noch zur Ruhe kommen.
Seine Antwort darauf ist bemerkenswert. Er schickt die Jünger nicht los, um mehr Informationen zu verbreiten. Er sendet sie zu den Menschen. Sie sollen heilen, begleiten, zuhören und Hoffnung schenken. Es geht um echte Begegnungen, nicht um Reichweite. Um Nähe, nicht um Klickzahlen.
Das Evangelium erinnert uns daran, dass der Mensch mehr braucht als Informationen. Er braucht Orientierung, Gemeinschaft und das Gefühl, gesehen zu werden. Genau das schenkt Jesus den Menschen damals – und genau das können auch wir heute weitergeben.
Vielleicht beginnt die Botschaft des Evangeliums ganz praktisch: das Smartphone einmal bewusst wegzulegen, einem Menschen wirklich zuzuhören oder jemandem Aufmerksamkeit zu schenken, der sonst übersehen wird. Denn oft sind es nicht die vielen digitalen Kontakte, die unser Herz erfüllen, sondern die wenigen echten Begegnungen.
«Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.» Mt 10,8
Was wir an Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit verschenken, kann für andere zu einem kostbaren Geschenk werden – gerade in einer Welt, die ständig online, aber nicht immer verbunden ist.
Wann hast Du zuletzt Dein Smartphone zur Seite gelegt, um einem Menschen Deine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken?
Norman Zöllner
