Sehen lernen, (Joh 9, 1-41)
Ein Mann, der von Geburt an blind war, begegnet Jesus.
Mit Erde und Speichel berührt Jesus seine Augen und schickt ihn zum Teich Schiloach.
Der Mann geht, wäscht sich – und kann sehen.
Doch damit beginnt die eigentliche Geschichte erst. Die Menschen um ihn herum diskutieren. War er wirklich blind? Darf Jesus am Sabbat heilen? Einige zweifeln, andere streiten. Am Ende wird der Geheilte sogar hinausgestossen.
Merkwürdig: Der Mann, der eben noch blind war, sieht klar. Die anderen aber, die meinen zu wissen, wie alles sein muss, bleiben irgendwie blind.
Auch in unserem Alltag kann uns das passieren. Wir schauen auf Menschen und Situationen – und glauben sofort zu wissen, wie alles einzuordnen ist. Wir haben unsere Meinungen, unsere Regeln, unsere schnellen Urteile. Doch manchmal übersehen wir dabei das Entscheidende.
Jesus öffnet nicht nur Augen. Er lädt dazu ein, neu sehen zu lernen: Menschen nicht vorschnell zu beurteilen. Überraschungen zuzulassen. Und zu glauben, dass Gott auch dort wirken kann, wo wir es nicht erwarten.
Der ehemals Blinde sagt am Ende nur einen einfachen Satz:
„Ich glaube, Herr.“
Vielleicht beginnt echtes Sehen genau dort:
wo wir bereit sind, uns berühren zu lassen – und die Welt mit neuen Augen zu betrachten.
Sonja Lofaro

„Mit dem Herzen sehen“ kam mir beim Lesen deines Impulses, liebe Sonja.
Das erinnert mich an den Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Mitten in der Fastenzeit kann das eine Einladung sein: innehalten, den Blick weiten und das Herz öffnen. Denn wer sein Herz öffnet, erkennt oft mehr, als das Auge sehen kann. Wer zuhört und mitfühlt, dem öffnet sich auch ein Blick in das Herz des Nächsten.