Liebe als Leitlinie
In jener Zeit,
34 als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen.
35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister,
36 welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.
38 Das ist das wichtigste und erste Gebot.
39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,34-40)
HERANTASTEN
Wenn mich jemand fragen würde, welche Verkehrsregel die wichtigste für mich ist, müsste ich erst mal nachdenken. Ist es das Einhalten von Geschwindigkeitsregeln? Oder das Einhalten von Abständen beim Fahren auf der Überholspur? Oder doch das Angurten im Auto? Ich finde es schwierig, einzelne Regeln gegeneinander abzuwägen und eine Rangliste zu erstellen. Es sind ja alle wichtig.
Meine Antwort wäre: Die wichtigste Verkehrsregel ist für mich die Rücksichtnahme aufeinander, besonders auf die schwachen Verkehrsteilnehmer:innen, wie Kinder beispielsweise. Das wäre für mich die Leitlinie, die wie über den einzelnen Verkehrsregeln steht.
Was zählt?!
Jesus wird gefragt, welche Regel im religiösen Gesetz am wichtigsten ist.
Wenn ich die Frage des Gesetzeslehrer nicht als Fangfrage, sondern als ernst gemeinte Frage verstehe, wird es interessant: Die Frage lädt ein, nachzudenken, was im Leben zählt.
Welches Gebot, welche Leitlinie ist so wichtig, dass ich mein Denken und mein Tun immer und immer wieder danach ausrichte?
Welche Werte zählen in meinem Leben? Was leitet mich in meinen Entscheidungen? Was will ich (als Mutter oder Vater) beispielsweise meinem Kind als Wert mit auf den Weg geben?
Und: Stimmen meine alltäglichen Entscheidungen tatsächlich mit meinen Werten überein?
BEZIEHUNGSWEISE
Die Antwort Jesu ist wohl kaum überraschend, aber dennoch lohnenswert, darüber nachzudenken:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“
Jesu Antwort bezieht sich auf zentrale Verse in der Thora, die jede und jeder damals gekannt hat – und viele auch heute noch kennen (im Minimum den 2. Teil 😉).
Spannend finde ich inhaltlich, dass sich Jesus in einem Koordinatennetz von Beziehungen verortet. Jesus setzt sich in ein wohlwollendes Beziehungsverhältnis zu Gott, zu den Menschen und zu sich selbst.
Beziehungen – Begegnungen, Freundschaften, Kameradschaften, Partnerschaften … – sie sind das Wichtigste im Leben, und alles, was gelungene Beziehungen ausmacht: Wohlwollen, Zuneigung, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit, Vertrauen, Grosszügigkeit – kurz: Liebe.
Bisweilen braucht es dazu noch nicht einmal grossartige Taten, sondern ein „einfaches“ Da-Sein:
“Deine Präsenz ist das wertvollste Geschenk, das du einem anderen Menschen machen kannst”
Marshall B Rosenberg (Begründer der Gewaltfreien Kommunikation)
Jutta Achhammer
