Auf den richtigen Ton gestimmt
„Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Dieser Satz Jesu klingt nach Freiheit. Doch an der Stelle des sonntäglichen Evangeliums wirkt Jesus radikal, gesetzestreu. «Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen!» (Mt 5,17) Wie passt das zusammen? Ein Gedankenspiel hilft hier weiter: Was wäre, wenn alle Gebote und Gesetze nicht mehr gültig wären?
Ein Blick auf den Strassenverkehr zeigt es deutlich: Wenn jeder und jede nach Belieben entscheidet, auf welcher Seite er oder sie fährt, endet die vermeintliche Freiheit sofort im Chaos. Wahre Freiheit braucht ein Gerüst. Ohne Orientierung regiert nicht die Liebe, sondern die Willkür und das Recht des Stärkeren. Gesetze, wie etwa die Sozialversicherungen oder das Strafrecht, sind letztlich Schutzräume für die Schwächeren.
Jesus geht es jedoch um mehr als um das blosse Einhalten von Paragrafen. Er möchte Menschen in eine bestimmte „Lebensstimmung“ versetzen. Ein Musikinstrument verdeutlicht das: Eine Geige muss gestimmt sein, damit sie klingen kann. Ein verstimmtes Instrument erzeugt nur schräge Töne, egal wie meisterhaft die Technik auch sein mag. Wer verstimmt ist, hebt die Stimmung der Hörenden nicht.
Im Alltag zeigt sich das etwa so: Jemand kann alle Regeln der Höflichkeit befolgen und dennoch lieblos wirken. Jemand kann im Büro pünktlich die Arbeit erledigen, aber durch eine bittere innere Haltung das Klima vergiften. Wer jedoch das eigene Leben auf die „Frequenz Jesu“ – auf die Liebe zum Nächsten – einstellt, verändert die eigene Ausstrahlung. Wer innerlich auf diese Liebe gestimmt ist, braucht das äussere Verbot nicht mehr, um nicht zu verletzen. Das Gute geschieht dann aus einer inneren Freiheit heraus.
Das hat eine gesellschaftliche Dimension. Friedrich Dürrenmatt schrieb: „Die Gerechtigkeit wohnt in einer Etage, zu der die Justiz keinen Zugang hat.“ Weltliche Gesetze allein können nie vollkommene Gerechtigkeit schaffen; sie markieren oft nur das Minimum. Wer auf Jesus gestimmt ist, kann über das blosse Recht hinausgehen. Wo trotz Gesetz alles seine Ordnung hat, kann ein Mensch auf der Strecke bleiben – etwa bei der Integration in der Nachbarschaft oder im Umgang mit Fehlern. Da setzt die christliche Haltung an. Wer die Stimmung Jesu zur eigenen macht, bewirkt Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit.
Viele Freude bei der Interpretation Deiner persönlichen Lebensmelodie. Wer richtig gestimmt ist, kann nicht falsch spielen!
Madeleine Kronig
