Hallo, ich heisse Mentari Baumann.
In meiner Instagram-Bio stand lange, dass ich «Berufskatholikin» bin. Das ist nicht ganz falsch. Ich arbeite als Geschäftsführerin der Allianz Gleichwürdig Katholisch und setze mich für #GleicheWürdeGleicheRechte in der katholischen Kirche ein. «Berufskatholikin» ist aber auch nicht ganz richtig, schliesslich bin ich auch privat katholisch.
Was ich sonst noch bin? Ich bin Schweizerin, Indonesierin und Bernerin. Ich bin Ehefrau und Mutter. Ich lese gleichermassen gerne E-Books und physische Bücher. Ich koche selten nach Rezept und am liebsten mit viel Chili. Ich habe mit viel Unlust Betriebswirtschaft studiert und später mit ganz viel Lust Religion und Politik. Und mein Herz schlägt für Gleichberechtigung und eine bessere, sicherere Welt. Für alle. In- und ausserhalb der katholischen Kirche.
Den ganzen Oktober über nehme ich Euch mit auf eine Reise durch meine Gedanken und die vielen Dinge, die mich bewegen, begeistern und beschäftigen.
Foto: Corinne Glanzmann
Ab Mittwoch tagen in Rom die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt gemeinsam mit Papst Leo. Sie beraten über Ehe und Familie und sprechen darüber vor welchen Herausforderungen Paare und Familien heute stehen und mit welchen Realitäten sie leben; aber auch, was schön ist, was stärkt und was trägt.
Ich wage zu behaupten, dass meine Familie den Teilnehmenden nicht als Erstes in den Sinn kommt, wenn sie über (katholische) Familien sprechen. Der Unterschied? Unser Kind hat zwei Mütter. Bis vor wenigen Jahren durften wir rechtlich keine Familie sein. In vielen Ländern und Regionen dürften wir gar nicht existieren. Wir würden verfolgt und kriminalisiert.
Und doch sind wir eine. Eine Familie, fast wie jede andere, und zugleich, wie jede Familie, einzigartig.
Vieles ist aber gleich. In unserer Familie lieben, stützen, nerven und streiten wir uns. Wir lachen, weinen und träumen. Wir balancieren unsere Zeit als Paar, als Einzelpersonen und als Eltern und geben dabei unser Bestes. Ganz alltäglich eben, so wie es sein soll.
Letztes Wochenende hat die Schweiz abgestimmt. Wir (die, die über das Stimm- und Wahlrecht verfügen) haben darüber abgestimmt, wie wir Neutralität und Frieden definieren.
Vor dem Abstimmungswochenende klebten wochenlang Friedenstauben an den Plakatsäulen; Friedenstauben, die dafür warben, dass sich die Schweiz aus internationalen Konflikten heraushält. Rein und unschuldig sahen sie aus und überbrachten, mit dem Olivenzweig im Schnabel, eine verlockende Einladung: Frieden.
In mir haben die Tauben keinen Frieden gesät, sondern Zweifel. Zweifel an meinen Mitmenschen. Denken sie, dass Frieden einkehrt, wenn wir das Leid und Elend jenseits unserer Landesgrenzen ignorieren? Stimmen sie dafür, keine Konsequenzen zu ziehen, wenn Menschen Opfer von Kriegsverbrechen werden?
Die Friedenstaube ist ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Das habe ich inmitten des Lärms um die Abstimmung aus den Augen verloren. Die Friedenstaube hat uns den Weg gezeigt, dahin wo fruchtbares Leben ist: eine Welt, in der wir solidarisch sind und als Teil der Weltgemeinschaft Verantwortung füreinander übernehmen.
Ich war schon immer katholisch.
Mein Katholisch ist ein «Salam Maria» (Ave Maria), das die Phrase «Santa Maria, bunda Allah» enthält. Mein Katholisch sind volle Kirchen, in denen selbst die aufgereihten Plastikstühle in ausgewaschenem Pink und schmutzigem Weiss vor dem Eingang bis auf den letzten Platz besetzt sind. Mein Katholisch sind muslimische und hinduistische Männer, die den chaotischen Parkplatz vor der Sonntagsmesse im Griff haben. Mein Katholisch sind Weihnachts- und Osteressen, an denen die Grossmutter meiner Cousine ihren schönsten Hijab anzieht und neben mir am Tisch sitzt. Mein Katholisch ist mein Grossvater, der mich mitgenommen hat, wenn er den Patient:innen im Krankenhaus Hostien brachte. Mein Katholisch sind Priester, die im Singsang-Dialekt der Heimatinsel meiner Familie beten, einem Dialekt, den meine Mutter und ihre Geschwister nur mit Anlauf hinbekommen und ich gar nicht mehr.
Mein Katholisch hat sich in der Schweiz lange fremd angefühlt: zu gross, zu laut, zu viele und zu wenig Regeln gleichzeitig. Dass man auch hier katholisch sein kann, habe ich erst später gelernt. Jetzt weiss ich aber, dass ich mein Katholisch nicht kleiner machen muss, damit es hierhin passt. Es passt, weil es gross ist.

Schön, dass Du im Oktober bei uns zu Gast bist, liebe Mentari.
Ich freue mich sehr auf Deine Beiträge – und bin gespannt auf Deine Gedanken und Perspektiven.