Hallo, ich heisse Mentari Baumann.
In meiner Instagram-Bio stand lange, dass ich «Berufskatholikin» bin. Das ist nicht ganz falsch. Ich arbeite als Geschäftsführerin der Allianz Gleichwürdig Katholisch und setze mich für #GleicheWürdeGleicheRechte in der katholischen Kirche ein. «Berufskatholikin» ist aber auch nicht ganz richtig, schliesslich bin ich auch privat katholisch.
Was ich sonst noch bin? Ich bin Schweizerin, Indonesierin und Bernerin. Ich bin Ehefrau und Mutter. Ich lese gleichermassen gerne E-Books und physische Bücher. Ich koche selten nach Rezept und am liebsten mit viel Chili. Ich habe mit viel Unlust Betriebswirtschaft studiert und später mit ganz viel Lust Religion und Politik. Und mein Herz schlägt für Gleichberechtigung und eine bessere, sicherere Welt. Für alle. In- und ausserhalb der katholischen Kirche.
Den ganzen Oktober über nehme ich Euch mit auf eine Reise durch meine Gedanken und die vielen Dinge, die mich bewegen, begeistern und beschäftigen.
Foto: Corinne Glanzmann
«Allen Menschen kommt aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit die gleiche Würde zu.»
(Website Allianz Gleichwürdig Katholisch)
Einige kennen den Begriff aus der Kinderpädagogik, wo Jesper Juul das Konzept der Gleichwürdigkeit eingeführt hat. Erwachsene sollen Kinder als eigenständiges Gegenüber sehen und nicht als Objekt, das geformt werden muss, und ihnen mit demselben Respekt begegnen wie anderen Erwachsenen. Juul benennt auch das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen, das sich aus dem Wissens- und Erfahrungsvorsprung, der körperlichen Stärke und der emotionalen Verbindung ergibt. Diese Unterschiede sind Realität, verstärken aber die Verantwortung der Erwachsenen.
Auch unter Erwachsenen gibt es unterschiedliche Voraussetzungen, Rollen und Machtpositionen. Das ist die Realität. Diese Unterschiede dürfen aber nicht auf dem Geschlecht oder der Geschlechtsidentität, der Staatsangehörigkeit, der Religion, dem Status, der Kultur oder der Herkunft beruhen. Und auch bei Erwachsenen verstärken die Unterschiede die Verantwortung und dürfen kein Grund sein, andere nicht mehr als Subjekt zu sehen.
Wenn Gleichberechtigung ein Zustand ist, in dem alle Menschen (gesetzlich und in der gelebten Realität) die gleichen Rechte und Pflichten haben, ist Gleichwürdigkeit für mich die Haltung, die Gleichberechtigung möglich macht.
Nur wenn ich wirklich allen Menschen die gleiche Würde zuspreche, einfach weil sie Menschen sind, und ich ihren Wert nicht davon abhängig mache, was sie leisten oder ob und wie sie ins Bild passen, nur dann kann ich mich ehrlich für Gleichberechtigung einsetzen.
«Sie sagte, dass sie geht. Zurück in ihr Land, zurück in ihre Stadt. Und ich hielt den Atem an und ich sagte: Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo Du bleibst, da bleibe ich auch. Wo Du stirbst, da sterbe ich auch. Da will ich auch begraben sein. Sagte es und erschrak. Ich schämte mich. Dabei war jedes Wort wahr.»
Das ist ein Auszug aus der Wiedererzählung der Geschichte von Rut und Noomi von Birgit Mattausch. Sie schreibt darüber, wie die beiden gemeinsam durchs Leben gehen, und über die tiefe Liebe zwischen den zwei Frauen, ohne diese beim Namen zu nennen. Und darüber, wie sie schliesslich einen Sohn teilen.
«Als ich Dich dann geboren hatte, mein Kind, da hab ich Dich in ihren Schoss gelegt. Du bist ihr Kind, mein Kind. Du bist ihr Sohn. Du bist ihr Glück.»
Nicht zum ersten Mal habe ich mit einer nicht ganz so heteronormativen Linse auf Rut und Noomi geschaut, zum ersten Mal aber auf so schöne und poetische Weise. Queere und feministische Theologie muss nicht immer nur analytisch und wissenschaftlich sein. Sie darf manchmal auch einfach schön sein und mitten ins Herz treffen. So wie der Text von Birgit. Ich lese ihre Worte und sehe vor meinem inneren Auge, wie ich meiner Frau unser Kind in den Schoss lege. Denn mein Kind ist ihr Kind, ihr Glück.
Zum Text von Birgit Mattausch: Rut und Noomi
Für Dinge, die nerven, wütend oder traurig machen, hat sich das Wort «triggern»* durchgesetzt. Das Gegenteil des «Triggers» ist der «Glimmer»: schöne, leichte, zufriedenmachende Dinge.
In den Verschnaufpausen schreibe ich jeweils über etwas, das für mich glimmert.
*In der Psychologie und in der Traumatherapie ist ein Trigger ein Auslöser für traumatische Erinnerungen. Umgangssprachlich wird der Begriff verwässert und für alles Unangenehme verwendet.
Tempeh Kering à la Mentari
Tempeh ist zum Superfood geworden. Für mich ist Tempeh aber einfach ein sehr feines Lebensmittel, das seinen festen Platz in der indonesischen Küche hat.
Ich koche Tempeh so (Achtung: Das Rezept ist eher ein Vorschlag, und Mengenangaben gibt’s nicht):
Den Tempeh in kleine Stücke schneiden und im Airfryer knusprig werden lassen. Wer es traditioneller mag, schiebt den Tempeh in den Ofen oder brät die Stücke mit wenig Öl auf dem Herd an. Für mich ist es perfekt, wenn der Tempeh aussen knusprig, aber innen weich ist. Danach beiseitestellen.
Für die Sauce koche ich Zwiebeln (ich mag die kleinen violetten), Knoblauch und Chilischoten ein paar Minuten in heissem Wasser. Danach wird alles zerkleinert (im Steinmörser, mit einem Messer, im elektrischen Zerkleinerer – was gerade gut geht). Die Zwiebel-Knoblauch-Chilipaste mische ich dann mit heissem Öl, Kecap Manis (süsse Sojasauce, alternativ etwas Zucker), Austernsauce (vegane Alternative: Pilzsauce), Salz, Pfeffer, Limettenblättern und Ingwer.
Sauce und Tempeh zusammenmischen. Ich mag es, wenn es mehr Tempeh als Sauce hat, aber you do you.
Zutaten:
Tempeh, Zwiebeln, Knoblauch, Chilischoten, Öl, Kecap Manis, Austernsauce, Salz, Pfeffer, Limettenblätter, Ingwer.
Ab Mittwoch tagen in Rom die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt gemeinsam mit Papst Leo. Sie beraten über Ehe und Familie und sprechen darüber vor welchen Herausforderungen Paare und Familien heute stehen und mit welchen Realitäten sie leben; aber auch, was schön ist, was stärkt und was trägt.
Ich wage zu behaupten, dass meine Familie den Teilnehmenden nicht als Erstes in den Sinn kommt, wenn sie über (katholische) Familien sprechen. Der Unterschied? Unser Kind hat zwei Mütter. Bis vor wenigen Jahren durften wir rechtlich keine Familie sein. In vielen Ländern und Regionen dürften wir gar nicht existieren. Wir würden verfolgt und kriminalisiert.
Und doch sind wir eine. Eine Familie, fast wie jede andere, und zugleich, wie jede Familie, einzigartig.
Vieles ist aber gleich. In unserer Familie lieben, stützen, nerven und streiten wir uns. Wir lachen, weinen und träumen. Wir balancieren unsere Zeit als Paar, als Einzelpersonen und als Eltern und geben dabei unser Bestes. Ganz alltäglich eben, so wie es sein soll.
Letztes Wochenende hat die Schweiz abgestimmt. Wir (die, die über das Stimm- und Wahlrecht verfügen) haben darüber abgestimmt, wie wir Neutralität und Frieden definieren.
Vor dem Abstimmungswochenende klebten wochenlang Friedenstauben an den Plakatsäulen; Friedenstauben, die dafür warben, dass sich die Schweiz aus internationalen Konflikten heraushält. Rein und unschuldig sahen sie aus und überbrachten, mit dem Olivenzweig im Schnabel, eine verlockende Einladung: Frieden.
In mir haben die Tauben keinen Frieden gesät, sondern Zweifel. Zweifel an meinen Mitmenschen. Denken sie, dass Frieden einkehrt, wenn wir das Leid und Elend jenseits unserer Landesgrenzen ignorieren? Stimmen sie dafür, keine Konsequenzen zu ziehen, wenn Menschen Opfer von Kriegsverbrechen werden?
Die Friedenstaube ist ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Das habe ich inmitten des Lärms um die Abstimmung aus den Augen verloren. Die Friedenstaube hat uns den Weg gezeigt, dahin wo fruchtbares Leben ist: eine Welt, in der wir solidarisch sind und als Teil der Weltgemeinschaft Verantwortung füreinander übernehmen.
Ich war schon immer katholisch.
Mein Katholisch ist ein «Salam Maria» (Ave Maria), das die Phrase «Santa Maria, bunda Allah» enthält. Mein Katholisch sind volle Kirchen, in denen selbst die aufgereihten Plastikstühle in ausgewaschenem Pink und schmutzigem Weiss vor dem Eingang bis auf den letzten Platz besetzt sind. Mein Katholisch sind muslimische und hinduistische Männer, die den chaotischen Parkplatz vor der Sonntagsmesse im Griff haben. Mein Katholisch sind Weihnachts- und Osteressen, an denen die Grossmutter meiner Cousine ihren schönsten Hijab anzieht und neben mir am Tisch sitzt. Mein Katholisch ist mein Grossvater, der mich mitgenommen hat, wenn er den Patient:innen im Krankenhaus Hostien brachte. Mein Katholisch sind Priester, die im Singsang-Dialekt der Heimatinsel meiner Familie beten, einem Dialekt, den meine Mutter und ihre Geschwister nur mit Anlauf hinbekommen und ich gar nicht mehr.
Mein Katholisch hat sich in der Schweiz lange fremd angefühlt: zu gross, zu laut, zu viele und zu wenig Regeln gleichzeitig. Dass man auch hier katholisch sein kann, habe ich erst später gelernt. Jetzt weiss ich aber, dass ich mein Katholisch nicht kleiner machen muss, damit es hierhin passt. Es passt, weil es gross ist.

Schön, dass Du im Oktober bei uns zu Gast bist, liebe Mentari.
Ich freue mich sehr auf Deine Beiträge – und bin gespannt auf Deine Gedanken und Perspektiven.
Allein beim Lesen hat es gerade ein bisschen geglimmert 🙂
Danke, das werde ich ausprobieren.
Bibel für Alle: der Text gefällt mir sehr gut. Er spricht direkt das Herz an. Eine Kirche soll offen sein für Alle, auch für Queere. Wir leben nicht mehr hinter dem Mond & dennoch scheint es in verschiedenen Bereichen doch noch nicht Realität geworden zu sein.