Der Esel, der Rebell und der ständige Lärm
Wer schon einmal auf einem Esel sass, weiss genau: Das ist riskant. Dieses Tier folgt nicht blind. Es bockt, bleibt stur stehen oder rennt plötzlich los. Wer oben bleiben will, muss ständig balancieren.
Genau dieses eigensinnige Tier wählt der Wanderprediger Jesus aus Nazareth für seinen Einzug in Jerusalem. Er verzichtet auf ein verlässliches Pferd und wählt das Risiko. Vielleicht setzt er bewusst auf ein Wesen, das einfach so sein darf, wie es ist. Ein Tier mit starkem Charakter, das nicht tut, was andere verlangen.
All das passiert vor unzähligen Leuten. Sie winken mit Zweigen und bringen riesige Wünsche mit. Deshalb jubeln sie so laut. Dieser Mann soll in ihren Augen nun endlich alles gut machen und eine Welt schaffen, in der alle leben können.
Er wird die Welt tatsächlich umkrempeln – aber völlig anders, als die Menge es will. Nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe. Damit passt er nicht mehr ins Bild. Der Rausch des Jubels schlägt um in blinden Hass und den Schrei: „Weg mit ihm!“
Jesus bleibt mitten im Chaos ruhig. Vermutlich ahnte Jesus längst, wie schnell der Applaus in Wut umschlägt. Er verstand die Menschen. Er sah genau hin, kritisch und doch voller Empathie. Er spürte, was die Leute antreibt, kannte ihre Freude, ihre Träume, ihre Trauer und ihre Angst – all das, was unter der Oberfläche brodelt.
Kommt uns dieser Wechsel nicht vertraut vor? Bisweilen habe ich den Eindruck, dass der Titel ‘Zeitalter der Skandale’ sehr gut in die Gegenwart passt. Ein Klick, ein kleiner Fehler, und die Masse stürzt sich auf das nächste Opfer. Das Opfer hat keine Chance, sich zu verteidigen. Gibt es für mich einen Mehrwert, mich von diesem Strom treiben zu lassen?
Nein, das tut es nicht. Der Wert der eigenen Person hängt nicht vom Dezibel-Pegel meines Geschreis ab. Die alte Geschichte vom Esel und vom Kreuz erzählt etwas ganz anderes: Wir haben einen unantastbaren Wert, einfach weil wir da sind.
Dieser Jesus verlangte von niemandem, fehlerfrei zu sein. Die Geschichte lädt dazu ein, echt zu sein. Am Ende nageln sie ein Schild über seinen Kopf und verspotten ihn als gescheiterten König. Doch das täuscht. Inmitten von Lärm und Hass blieb er seinem Weg treu – dem Weg der radikalen Liebe. Einer Liebe, die jedem Menschen seinen wahren Wert gibt.
Impulsfragen
Wo folgst du im Alltag dem lauten Strom der Masse, und an welchem Punkt hast du den Mut, einen ganz eigenen, vielleicht wackeligen Weg zu gehen?
Wer oder was gibt dir das feste Gefühl, absolut wertvoll zu sein, wenn der schnelle Applaus der anderen plötzlich verstummt?
Madeleine Kronig
